Das Team der Leichtathletik-Coaching Academy wünscht frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr!

Gedanken zum deutschen Sprint von Franz-Josef Busemann

2014_12_19-Busemann_ArtikelEs ist vielleicht etwas viel zugemutet, aber Weihnachten hat man doch immer etwas mehr Zeit und Ruh´ vor oder nach dem Gänsebraten, der Ente, dem Hasen, dem Salatteller, dem Hummer oder der Forelle und könnte das Folgende im Kopf alles noch einmal langsam wirken lassen. Eine Trainerfortbildung aus dem Archiv und doch sehr aktuell und modern, auch weil sie viele unsrer Thesen, Erfahrungen und Konzepte, die wir Ihnen in den Jahren angeboten haben und auch im folgenden Jahr wieder anbieten wollen, positiv unterstreicht!

Warum laufen andere schneller? - Gedanken auch zum deutschen Sprint von Franz-Josef Busemann

Für Lauftrainer kostenfrei - aus der WLV-Lehrbeilage 6-2001ff aufbereitet von Lothar Pöhlitz. Vieles ist nur zu übertragen – Vieles ist  - 13 Jahre alt - noch heute sehr aktuell.

Der Knackpunkt, der die Angelegenheit oft so erschreckend deutlich macht, verlieren unsere Jungs zwischen 30 und 60 Metern pro 10 m-Abschnitt etwa 0,01 s -0,013 s, so sind es zwischen 60 und 80 m 0,01 s - 0,025 s pro 10 m-Abschnitt und zwischen 80 und 100 m 0,03 s - 0,06 s! Im Bereich der spezifischen Schnelligkeitsausdauer liegen also erhebliche Schwächen, die meiner Meinung nach in den letzten Jahren leider unter den Teppich gekehrt wurden.

2014_12_19-Busemann_ArtikelVoraussetzung für schnelle Sprintzeiten ist die Fähigkeit, entspannt laufen zu können. Um das zu erreichen, müssen die Athleten in der Lage sein, eine einmal erreichte Geschwindigkeit nahezu ohne sichtbaren Krafteinsatz halten zu können, also "rollen zu lassen". Über diese Fähigkeiten verfügen einige unserer derzeitigen Spitzenkräfte nicht. Wenn sie "vom Gas" gehen stehen sie nach ein paar Metern wie D - Schüler!

Aber nur derjenige, der entspanntes Laufen in hohen Geschwindigkeiten beherrscht, wird in der Lage sein, den Geschwindigkeitsverlust durch Ermüdung in möglichst engen Grenzen zu halten.

Zusammenfassend stelle ich folgende Schlussfolgerungen zur Diskussion:

 

  • a) Deutsche Sprinter sind in der Beschleunigungsfähigkeit bis 30 m absolute Weltklasse.
  • b) Deutsche Sprinter zeigen im Bereich der maximalen Laufschnelligkeit deutliche Mängel.
  • c) Deutsche Sprinter verfügen über eine absolut mangelhafte Schnelligkeitsausdauer.

Wenn man in zwei von drei leistungsbestimmenden Kriterien hinterherhinkt, kann man keinen Anschluss an das Weltniveau erreichen.

Warum unterscheidet sich die Leistungsfähigkeit unserer Athleten so entscheidend von der anderer Nationen? Das ist ganz einfach! Lassen wir doch einmal Fachleute zu Wort kommen

Die Fachzeitschrift „Leichtathletik“ veröffentlicht in jedem Jahr disziplinspezifische Analysen. Im Bereich des Kurzsprints und nur um  diesen geht es in den folgenden Ausführungen, wurden Fachleuten nach den Gründen für die Stagnation des deutschen Kurzstreckenlaufes im Männerbereich befragt. Die Meinungen, angereichert mit Standpunkten, die man als Betroffener im Laufe der Jahre so mitbekommt sind (unvollständig):

 

  • die falschen Leute sind am richtigen Ort
  • die richtigen Leute sind am falschen Ort
  • es wird zu wenig trainiert
  • es wird zu viel trainiert
  • der Nachwuchs ist durch spezielles Training zu schnell
  • der Nachwuchs ist zu langsam
  • wir haben zu wenige Profis
  • wir trainieren so richtig falsch
  • die anderen trainieren anders
  • es wird zu langsam schnell gelaufen
  • es wird zu schnell langsam gelaufen
  • wer mit 10,50 s die Saison beginnt, ist viel zu schnell
  • unsere Jungs sind im Training alle beängstigend schnell
  • alle, die schneller laufen als die eigenen Leute, sind gedopt
  • Sprinten kann man nicht lernen, das ist angeboren
  • unsere Sprinter sind satt (weil nur einer dt. Meister wird?)
  • es fehlt der Glaube an die vorhandenen Möglichkeiten
  • es werden zu viele Wettkämpfe absolviert
  • unsere Sprinter machen zu wenige Wettkämpfe
  • Wettkampf ist besser als Training
  • Training ist besser als Wettkampf
  • usw. usw. usw. usw. Alles klar? Chaos total?

Mitnichten, denn alle Aussagen stammen von Leuten, die zumindest auf nationaler Ebene mit ihren Athleten mehr oder weniger erfolgreich waren oder sind, weil sie Sprinter hatten oder haben, die zu den unterschiedlichen Ansätzen passten oder passen. Seit etwa einer Dekade versucht der Verband verstärkt, den Kuddelmuddel zu ordnen und machbare Strukturen systematisch aufzuzeigen. Was ist dabei herausgekommen?

Die Schwerpunkte der letzten 10 Jahre

Der Versuch der Verbesserung der Maximal - Geschwindigkeit

Seit ca. 10 Jahren ist die Verbesserung der Maximalgeschwindigkeit (V-max) in den Mittelpunkt des Trainings gerückt. Grund für diese Schwerpunktlegung ist die Erkenntnis, dass im internationalen Vergleich die anderen Sprinter nach der Beschleunigungsphase offensichtlich noch eine Schippe drauflegen können, während bei unseren Kurzstrecklern die Lichter ab 30 m langsam aber sicher ausgehen

Die Änderung der Sprintstrecken in den Schüler - und B – Jugendklassen und eine neue Altersklasseneinteilung

Mit Beginn des Jahres 1988 setzte der DLV ein neues Altersklassenkonzept und dementsprechend auch ein neues Wettkampfangebot durch. Konnten oder mussten 1987 fünfzehnjährige Jungen Wettkämpfe über 100 m, 200 m und 400 m bestreiten, so wurde dieses Angebot ab 1988 auf die 75 m - Strecke beschränkt. Vorausgegangen waren lange Diskussionen um altersgerechte Belastungen. Fachleute aus Sport, Pädagogik und Medizin kamen letztendlich zu dem Schluss, dass die neuen Konzepte der körperlichen Entwicklung der Jugend besser entsprächen, als die vorher praktizierten. Für den Sprint sprach, dass die Ausbildungen von maximaler Schnelligkeit und von Schnelligkeitsausdauer so etwas wie feindliche Brüder sind. Da man wusste, dass sehr gute Sprintzeiten offensichtlich nur über ausgezeichnete Maximalgeschwindigkeiten zu erzielen sind, klammerte man die Entwicklung der Schnelligkeitsausdauer bewusst aus, zumal diese in den Alterklassen um die M 15 herum sehr umstritten war und ist. Außerdem wurde hier der Tatsache Rechnung getragen, dass die Grundlagen für die Schnelligkeit viel besser im jungen Schüleralter gelegt werden können als zu einem späteren Zeitpunkt. Die Schnelligkeitsausdauer, so hoffte man, könnte dann in nachfolgenden Jahren entwickelt werden.

Die Schwerpunktsetzung Ischiocruralmuskulatur

Ein weiterer Ansatzpunkt wurde verstärkt propagiert: Die Bedeutung der ischiocruralen Muskulatur für den Sprint wurde immer mehr in den Vordergrund gerückt. Waren es bis dato in erster Linie einige Sprintspezialisten, die um die Wichtigkeit dieser Muskelgruppe wussten, so wurde nun jeder in der Leichtathletik eingebundene Lehrkörper auf den neuen Ansatz eingeschworen.

Waren die Muskeln der Rückseite des Oberschenkels bis zu diesem Zeitpunkt in erster Linie als Zicken bekannt, die so manchem Sprinter das Leben durch häufige Zerrungen schwer machten, so widmete man jetzt ihrer Kräftigung mehr Zeit und Sorgfalt. Ich glaube beobachtet zu haben, dass die Häufigkeit typischer Handbewegungen bei Sprintverletzungen, nämlich der hektische Griff an die Oberschenkelrückseite, seit einigen Jahren rückläufig ist. Oder irre ich mich da? Der Vortrieb wird nicht hinter dem Körperschwerpunkt sondern vor und unter ihm erzeugt

Die Betonung der Zugwiderstandsläufe

Ein bis dahin nur sporadisch eingesetztes Trainingsmittel wurde bei der breiten Masse der Leichtathletikinteressierten hoffähig gemacht:

Zugwiderstandsläufe rückten nach K. Krabbes Erfolgen („Reifenläufe“) in den Mittelpunkt und galten bei vielen Athleten und Trainern als das A und O des Sprinttrainings. M. Bolm, der mit ungewöhnlich schweren Gewichten arbeitete und sehr gute Erfolge hatte, sorgte für weiteren Aufschwung in diesem Bereich. Ich selber hatte schon immer ein Fable für Mattenwagen - oder Autoschieben, (nicht Autoschieber!), Ziehen von Lasten in vielen Variationen und war von der Notwendigkeit der ZWL voll überzeugt.

Die Konzentration auf die Staffeln

Das stetig anwachsende Niveau und die immer größer werdende Dichte im internationalen Bereich des Sprints führte dazu das nach und nach von dem Bestreben Abstand genommen wurde, Athleten für Einzelstarts zu den großen Meisterschaften zu schicken.

Der Staffelgedanke hatte absoluten Vorrang und es wurde mehr oder weniger versucht, dem Team alles unterzuordnen. Dass die ganze Angelegenheit von verdächtig vielen Bundes- bzw. DLV-Trainern, die  sehr häufig abwechselten, mit immer neuen Ansätzen angegangen wurde, machte einen kontinuierlichen Aufbau sehr schwer.

Die Vernachlässigung der Schnelligkeitsausdauer

V-max ist Trumpf! Das Gespenst der maximalen Laufschnelligkeit sitzt jederzeit und über allem, was sich im Sprintbereich abspielte. Was für eine Rolle hat denn schon die Schnelligkeitsausdauer? Zumal, wie schon darauf hingewiesen, sich die gleichzeitige Entwicklung der Schnelligkeit und die des „Stehvermögens“ nahezu ausschließen! Ich denke, dass unter der Knute des obersten Zieles die Entwicklung der Schnelligkeitsausdauer in den letzten Jahren zu kurz gekommen ist. Hier ein Beispiel: Irgendwann, kurz nach der Hallensaison, also zu einer Zeit, in der die anwesenden Sprinter eigentlich voll im Saft stehen sollten, denn sie waren auch 200 m - Läufer, war es. Bei einem Lehrgang des C-Kaders forderte der damals für den Gesamtsprint verantwortliche Trainer von den als Lehrgangsteilnehmer anwesenden Nachwuchshoffnungen: 6 x 300 m in 36 Sekunden mit jeweils 10 Minuten Pause!  Einige anwesende Heimtrainer wurden sofort vom Schlag getroffen, einige glaubten, sie hätten ´s an den Ohren, ein paar Hoffnungsträger des deutschen Kurzstreckenlaufs wurden blass, andere verspürten Unwohlsein in der Magengegend und nur diejenigen, die nicht richtig hingehört hatten, grinsten etwas blöde! Ich war auch dabei, hatte Ohren- und Muffensausen, Herzrasen und  das Gefühl, das eine Henne haben muss, wenn ihr Küken baden geht.

Aber: Die Hoffnungen Deutschlands waren 18 bzw. 19 Jahre alt, sie wollten bei internationalen Meisterschaften die Welt aus den Angeln heben und 36 s über 300 m sind nicht schneller als 12 s über 100 m im Durchschnitt (fliegend), also ca. 13 s aus dem Block! Müsste das in diesem Alter von Nachwuchssprintern der nationalen Klasse nicht machbar sein? Zugegeben: Das geforderte Programm hat es in sich und ist nur bei langfristiger Vorbereitung einigermaßen zu schaffen. Aber wie soll man es vorbereiten, wenn man nur die V-max im Hinterkopf hat?

Wir haben uns damals auf 5 Läufe in 40 s geeinigt, die Pausenlänge blieb bei 10 Minuten. Zwei (darunter der von mir betreute Athlet! Bin ich nicht ein toller Trainerhecht?) Kurzstreckler schafften zwei Zeiten knapp unter 40,0 s und den Rest zunehmend deutlich darüber, die anderen hatten nach und nach das Handtuch geworfen und waren selber auf die Hochsprungmatte gesunken: Kolbenfresser! Hat sich diese Tendenz in den letzten Jahren fortgesetzt? Ist von unseren besten Männern so ein Programm wie das ursprünglich geforderte eigentlich zu realisieren?

Die Vernachlässigung der 200 m - Strecke

Die 200 m - Strecke führte in den letzten Jahren zunehmend ein Schattendasein. 100 m und 400 m! Das sind die Königsdisziplinen des Sprints. Außerdem wurden die Ergebnisse über die halbe Stadionrunde aus den Überlegungen z. B. für Staffelnominierungen ausgeklammert. Die Leistungsfähigkeit auf der kurzen Sprintstrecke ist absolut vorrangig für diese Qualifikation. V-max lässt wieder einmal grüßen?

Zur mangelnden Sprintfähigkeit vieler unserer 400 m-Läufer

Wie viele unserer 400 m-Läufer laufen unter 10,70 s und unter 21,00 s? Ich habe den Eindruck, dass Stefan Holz ziemlich allein dasteht. Aber wie will man konstant 45er Zeiten rennen, wenn man sich die ganze Zeit am Schnelligkeitsmaximum aufhalten muss?

Der Versuch, dem Leichathletiktraining neue Impulse zu geben

Viel ist geschehen in den letzten Jahren. Viele hervorragende Aus - und Fortbildungen für Übungsleiter und Trainer sind gelaufen, ob ein Umdenken in vielen Bereichen eingesetzt hat weil früher wurde falsch trainiert wurde?

Schwunggymnastik, zu frühe Spezialisierung, kein systematischer  Aufbau, kein ausreichender Unterbau, keine systematische Talentsuche, keine systematische Aussortierung der Untalentierten, falsche Wettkampfprogramme, usw... aber es gab trotzdem gute Athleten!

Jetzt muss ich aber erst einmal etwas abschweifen, weg vom Sprint und hin zum allgemeinen Zustand des Leichtathletiknachwuchses, wobei ich mit der ersten These viel riskiere, sie aber trotzdem einfach so hinstreuen werde:

Der große Irrtum, durch „Spielleichtathletik“ Talente gewinnen zu wollen. Diese These lasse ich erst einmal so im Raume stehen, weil sie Inhalt und Umfang des eigentlichen Anliegens sprengen würde. Später werde ich auf dieses Problem gesondert zurückkommen.

Falsch verstandene „allgemeine Ausbildung“

Im Grundlagentraining sollen die SchülerInnen eine breitgefächerte allgemeine sportliche Ausbildung erfahren. Das ist unbestritten und ich halte diesen Ansatz für einen der wichtigsten im leichtathletischen Training. Aber es darf nicht so sein, dass hier und später auch im Aufbautraining dieses Prinzip so interpretiert wird, dass „allgemein“ grundsätzlich mit anderen Sportarten gleichgesetzt wird. Leichtathletik bietet genug unterschiedliche Anforderungen, um in der Hauptsache trainiert zu werden. Wir sollten so viel Selbstvertrauen haben, dass wir unsere Sportart nicht zu verstecken brauchen.

Der zu geringe spezifische Anteil

Mit 15 bis 16 Jahren müssen die Techniken stehen! Später werden sie nur noch geringfügig verändert, dann was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr! (Ausnahmen bestätigen das Sprichwort). Wenn man sich von den besten Athleten Bilder aus jungen Jahren ansieht kann man nicht zu verwechselnde Ähnlichkeiten und Eigenarten in den späteren Bewegungsabläufen wiederfinden! Ich habe Dipl.-Sportlehrer kennen gelernt, die das Erlernen der Hochsprungtechnik mit 15 Jahren als „zu frühe Spezialisierung“ abtaten! Ich denke, hier herrscht reger Aufklärungs-bedarf!

Gedankenloses Abkupfern

Wer kennt sie nicht, die Situation: Grundlagen, Grundlagen, Grundlagen! Das Plenum döst größtenteils vor sich hin und hört nur mit einem halben Ohr zu. Aber wehe, es erscheint eine Folie mit einigen markanten Eckdaten über Streckenlängen, Umfänge und Intensitäten: sofort zuckt die Hand zum Schreibwerkzeug und es wird auf Deubel komm raus ab- und mitgeschrieben: endlich mal was, worunter sich jeder etwas vorstellen kann! Zu Hause warten dann die armen Würstchen und gehen beim ersten Training nach der Fortbildung aus dem Stand von 0 auf 100 in zwei Stunden! Sehe ich diese Tendenz falsch oder haben andere so etwas bei sich selber auch schon bemerkt?

Neugierde oder „Ich weiß schon alles!“

Der Ansatz: „Mal sehen, wie es die anderen machen! Und warum mache ich trotzdem so weiter wie bisher?“ gefällt mir schon besser. Denn hier wird nachgedacht, verglichen, etwas Aufnahmebereitschaft signalisiert und der Ist - Zustand berücksichtigt. So kommen wir vielen Dingen schon etwas näher. Aber der absolute Brüller ist diese Einstellung noch nicht.

„Das habe ich noch nie gemacht! Und außerdem: Die können mich alle mal, die Klugschwätzer!“ Es gibt eine Spezies von Lehrgangsteilnehmern, die ihre Lizenz verlängert haben möchten und deshalb notgedrungen ein paar Stunden absitzen müssen. Es kommt vor, dass sie sich im Besitze des Steins der Weisen wähnen und das auch durch unübersehbar zur Schau gestellte Langeweile demonstrieren. Sie braten im eigenen Saft, was auf die Dauer gesehen meistens in die Hose geht!

Im Schneckenhaus

Ganz vorsichtige Zeitgenossen ist alles unheimlich, was sich andere ausgedacht haben. Da kann doch etwas nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn der Mensch dort vorn immer wieder gute Athleten herausgebracht hat. Misstrauen ist angebracht und außerdem hat der sowieso alle Athleten gekauft und hat keine Ahnung davon, wie es bei uns im Verein zugeht. Also: ab ins Schneckenhaus, Deckung nehmen und das Ende der Veranstaltung abwarten. Es zeigt sich doch immer wieder, dass die vom Verband nur Spinner als Referenten verpflichten!

Das Gespenst der Schnelligkeitsbarriere

Deutsche Übungsleiter und Trainer (und natürlich immer auch die ...innen!) werden bezüglich des Sprinttrainings vor einer Gefahr gewarnt wie der Teufel vor dem Weihwasser: Der Herausbildung der Schnelligkeitsbarriere! Deutsche Übungsleiter und Trainer (und s. o.) zeichnen sich normalerweise aus durch Hartnäckigkeit, Gewissenhaftigkeit und Genauigkeit. Das hat zur Folge, dass die Furcht vor der frühzeitigen Herausbildung und Festigung des gefürchteten „dynamisch-motorischen Stereotyps“ bei der Ausbildung der Schnelligkeit immer vorhanden ist. Aber:

Laufen lernt man nur durch Laufen und schnelles Laufen lernt man nur durch schnelles Laufen!

Auch diese Erkenntnis ist nicht neu, ganz im Gegenteil! Aber der verzweifelte Kampf zwischen Verantwortungsgefühl und schnelligkeitsentwickelnder Notwendigkeit durch Trainingsreize mit hohen und höchsten Intensitäten tobt oft so heftig in den TrainerInnenbrüsten, dass erforderliche Trainingsinhalte (zu?) oft unterbleiben. Manch einer sitzt in einer Zwickmühle: Eigentlich müsste der Schützling im Hinblick auf irgendwelche wichtigen Wettkämpfe noch einige flotte Läufchen absolvieren. Aber hockt da nicht eine mögliche Verletzung hinter der Bande? Und außerdem: Versperrt er dem ungeschliffenen Edelstein nicht den Weg zu späteren Großtaten, indem er die berüchtigte Schnelligkeitsbarriere aufbaut? Fünf Läufe sind geplant, der Puls des Trainers bewegt sich im Leerlauf bei jeder schnellen Bewegung des Athleten zwischen 150 und 180 und nach dem dritten Lauf hält er es nicht mehr aus: Er dankt Gott dafür, dass noch nichts passiert, beschließt, das Schicksal nicht weiter herauszufordern und beendet das Training. Und sogeht es das ganze Jahr. Kommt man damit wirklich weiter? Baut unser Trainer so nicht erst die Gefahr auf? Für schnelles Laufen müssen Grundlagen gelegt werden, nur dann ist der Athlet in der Lage, höchste Belastungen in Wettkampfsituationen unbeschadet zu überstehen.

Es wird nur wenigen gelingen, im Training im Bereich der Schnelligkeit in die Nähe der Wettkampfintensitäten zu kommen. Heß u. a. belegen, dass die Schnelligkeitsleistungen im Training vergleichbaren Intensitäten im Wettkampf deutlich hinterherhinken. So können die Beschleunigungswerte bezogen auf die maximal erreichbaren Wettkampfwerte durchschnittlich nur zu 97,6 % und die absolute Schnelligkeit durchschnittlich nur zu 93,4 %(!) erreicht werden! (vergl. Gundlach, H. (Hrsg.), SPRINT-LAUF-GEHEN, Berlin 1991, S. 29)

Ganz abgesehen davon, dass für die Verbesserung des Sprintvermögens höchstmögliche Einsätze verlangt werden, muss die Wettkampfbelastung unbedingt im Training vorbereitet werden. Das geht nicht mit fast ausschließlichen Reizen im submaximalen Bereich! Ganz am Rande: Mir sind deutsche Sprinter mit einer Schnelligkeitsbarriere bei 10,15 s lieber als solche mit unendlichen Möglichkeiten und einer Bestleistung von 10,40 s nach 15 Jahren Leistungstraining! Bitte nicht missverstehen: Immer voll Pulle ist absolut verkehrt! Gar nicht volle Pulle ist auch verkehrt!  Auf die richtige Mischung kommt es an - und die haben wir offensichtlich noch nicht gefunden!

Welche Möglichkeiten gibt es

Was sollen wir machen? Weitermachen wie bisher und warten, bis die ganz großen Talente zur Verfügung stehen, die wir dann nach den gleichen Grundsätzen wie bisher trainieren und darauf hoffen, dass sie trotzdem gut werden? Und wenn diese Talente nicht kommen, oder noch schlimmer: Was ist, wenn sie schon da waren und wir sie nur nicht erkannt haben oder nicht in der Lage waren, sie entsprechen zu fördern?

Müssen wir versuchen, uns weiterhin schlau zu machen? Ist es vielleicht so, dass die Trainingsmethodik, die aus einem Talent einen 10,35 - Läufer macht, eine andere ist als diejenige, die Zeiten von 10,20 Sekunden und schneller ermöglicht? Fragen über Fragen. Antworten haben viele parat, wie die gezeigten Äußerungen von Fachleuten zeigen. Ist das nicht überraschend? Viele haben Antworten! Fast alle suchen die Schuld bei den Athleten! Keiner stellt sich selber auch nur ein kleines bisschen in Frage! Dabei sind wir es doch, die Trainer, die es in den letzten Jahren nicht bis in die Weltklasse (von der Weltspitze wollen wir gar nicht erst reden) geschafft haben! Offensichtlich arbeiten wir nicht mit der nötigen Überzeugungskraft, Methodik, Kontinuität und Glaubwürdigkeit. Wenn wir davon überzeugt sind, wir hätten zu wenige Profis: Warum schaffen wir nicht die Voraussetzungen und überzeugen die Talente, diesen Schritt zu tun? Wenn wir meinen, unsere Sprinter trainierten zu wenig: Warum machen wir ihnen nicht die Notwendigkeit zu mehr Training klar? Wenn wir glauben, es mangele an Selbstvertrauen: Warum geben wir es ihnen nicht?  Wie war das doch? „Haben wir noch nie gemacht und außerdem habe nur ich selber Ahnung!“

Liebe Kollegen: Dann beschwert euch nicht!! Wie machen es denn die anderen Nationen? Die Briten, die Franzosen, die Japaner, die Polen, die Ungarn, der Vatikan? (Sorry, waren Renner des letztgenannten Verbandes bei der letzten WM nicht hinter uns?)

Zum Training der international erfolgreichen Sprintnationen

Wie trainieren diejenigen, die uns regelmäßig weglaufen? Die US-Amerikaner spreche ich hier gar nicht erst an, denn die befinden sich sowohl in der Spitze als auch in der Breite in einer anderen Liga. Worin liegt der Unterschied? Bei den unterschiedlichsten Fortbildungen, die ich in den letzten Jahren erleben durfte, wurde oft das andersgeartete Training anderer Nationen angesprochen. Was wurde verkündet? „Die anderen trainieren anders!“ Aber wie? Darüber schwieg der Referenten Höflichkeit. Denn bis auf eine paar vage Vermutungen hatte niemand konkrete Hinweise parat. Wenn wir davon überzeugt sind, dass die Erfolge anderer Trainer und Nationen auf andere Inhalte und auf anders geartetem Trainingsaufbau als den uns bekannten gewachsen sind, warum schauen wir dann nicht gezielter über den Zaun? Wo ist die Trainerin, der Trainer: jung, dynamisch, (noch) erfolglos, die für ein, zwei, drei Jahre in die Hochburgen des Sprints gehen, sich schlau machen, um danach bei uns immer noch jung, dynamisch, und erfolgreich agieren zu können? Wo ist der junge Athlet, der gleiches tut? Wenn so viele wie bisher weiter vor sich hinwurschteln und diejenigen, die mehr können, ihr Wissen für sich behalten, kommen wir mit dem Sterz nicht hoch und unsere Sprinter nicht in irgendwelche Halbfinals!

Zusammenarbeit mit der Sportwissenschaft

Auch auf diesem Gebiet hört man immer wieder von erfolgreicher Zusammenarbeit -woanders, versteht sich. Könnten wir in verschiedenen Bereichen auf diesem Gebiet etwas bewirken? Könnten sich beide Seiten gegenseitig mehr befruchten, als das heute der Fall ist?

Die Notwendigkeit einer Neuorientierung zur Schwerpunktsetzung anderer Inhalte

Über eines sollten wir uns alle einig sein: So, wie es in den letzten Jahren gelaufen ist, kommen wir nicht entscheidend weiter, denn die Schwerpunkte der vergangenen Jahre haben nicht das gehalten, was wir uns von ihnen versprochen haben

Gescheitert: ZWL und Lauferschwerung

Hoffnungen, die in die Zugwiderstandsläufe, Bergaufläufe und andere Trainingmittel der Lauferschwerung gesetzt wurden, konnten nicht erfüllt werden. Unsere Kurzstreckler sind keinen Deut besser als zu jenen Zeiten, als Reifen und Zugschlitten noch nicht zum täglichen Alltag des Sprinttrainings gehörten. Ob hohe oder niedrige Gewichte, ob lange oder kurze Strecken: ZWL haben ihre Berechtigung als Vorbereitung, Ergänzung und in der Ausprägung bestimmter Etappen, führt, als Haupttrainingsmittel eingesetzt, aber nicht unbedingt weiter.

Gescheitert: Spezielles Krafttraining

Rollerfahren, Sprintkrafttrainingsgerät und andere besondere Übungen für die ischiocrurale Muskulatur! Das war und ist der Hit in vielen Trainingsstunden. Auch in meiner Trainingsgruppe wurde viel getüftelt und u. a. die Rutsche kreiert. Aber auch hier gilt: Als ein Mosaiksteinchen des gesamten Trainings sind diese Übungen sinnvoll, Sprinten aber lernt man nur durch Sprinten! Da bringt wieder einmal so eine typische Trainereigenart einiges aus dem Gleichgewicht: Man hat eine Idee und träumt vom Jackpot! Rollerfahren z. B., als spezielle Kraftübung für den Sprint erdacht, entwickelte sich sehr schnell zu einer eigenständigen Disziplin. Wenn Rollerfahren überraschend olympisch würde, wir wären ganz vorn dabei! Aber selbst, wenn es uns nur etwas weiterbrächte: Keine Angst mehr um den deutschen Sprint, denn die Kick - Board - Welle schwemmt uns in ein, zwei Jahren nach ganz oben. Allerdings: Sprinten lernt man... (s.o.)

Gescheitert: Die Vernachlässigung der 200 m - Strecke

Wie schon weiter vorn bemerkt, hat meiner Meinung nach die 200 m - Strecke bei unseren Sprintern deutliche an Stellenwert verloren. Interessant scheint mir, dass diese Zurückstufung in der Werteskala offensichtlich oder zufällig Hand in Hand mit den Niedergängen der Sprintstaffel und der deutschen 400 m - Herrlichkeit einhergeht. Die Gründe liegen auf der Hand. Wenn bei der Kurzsprintern schon nach 60 Metern deutliche Geschwindigkeitseinbußen festzustellen sind, wie sollen sie dann die geforderten 110 Meter oder sogar 120 Meter in den Staffelwettbewerben auf hohem Niveau laufen können? Ganz abgesehen davon, dass zu einer Kurzsprintstaffel notgedrungen zwei Läufer durch die Kurve müssen, die ihre Fähigkeiten hierfür vorrangig durch die 200 m - Strecke erwerben könnten. Bei der heutigen Konstellation hätte es z. B. Peter Klein, einer der besten Staffel -Kurven-sprinter den wir je hatten, sehr schwer gehabt, Staffelmitglied zu werden. Auch auf den Langsprint scheint mir die Vernachlässigung der 200 m -Strecke negative Auswirkungen zu haben. Sicherlich, es hat Läufer gegeben, die ohne nennenswerte Kurzstreckenleistungen ihren Mann standen. Aber das waren m. E. Ausnahmen, die solche bleiben sollten. Skamrahl (44,50/20,44), Honz (44,70/20,6), Weber (44,72/20,75), Schmid(44,92/20,69), Lübke (44,98/20,38), Jellinghaus (45,06/20,65), Kaufmann (45,08/20,9), Herrmann (45,10/20,7), Hofmeister (45,12/20,57), Schlöske (45,27/21,07). Noch Fragen?

Gescheitert: Die Vernachlässigung der Wettkämpfe

Wettkämpfe sind das beste Training, denn nur im Wettkampf sind Sprinter in der Lage, maximale Geschwindigkeiten zu erreichen. Welcher deutsche Sprinter der nationalen Klasse ist bereit und in der Lage, 25 bis 30 Wettkämpfe pro Saison zu laufen? (Es geht hier nicht um Jugendliche sondern um gestandene Mannsbilder!) Wer ist in der Lage, durch Wettkämpfe seine Form auf - und auszubauen? Zugegeben: Die deutschen Kurzstreckler habe es nicht leicht. Konnten es sich Leute wie Germar und Hary durchaus leisten, Rennen in handgestoppten 10,7 Sekunden oder 10,8 Sekunden abzuliefern, so schreit der deutsche Medien-wald heutzutage auf, wenn irgendeiner von den schnellsten deutschen Männern sich erdreistet, irgendwo ein Ergebnis von 10,60 Sekunden abzuliefern. „Pass auf, dass dich die Frauen nicht überholen!“ ist dabei noch der wohlwollendste Kommentar, den sich die Betroffenen dann anhören müssen. Aber schlimmer als jetzt kann es eigentlich nicht werden. Die Folge ist, dass die Konzentration auf wenige Wettkämpfe gelegt wird, bei denen es dann häufig schon ums reine Überleben geht.  Und wenn dann noch der Wind von vorne weht, die Temperaturen sinken oder sonst etwas quer sitzt, dann ist die Saison so gut wie gelaufen. Schönen Urlaub!

Gescheitert: Der (zu) hohe Stellenwert der Staffel

Der Kurzsprintstaffel wurde in den letzten Jahren zwecks Frustbekämpfung ein (zu) hoher Stellenwert eingeräumt. Die Demontage der Athleten im Hinblick auf Einzelstarts „Allein seid ihr alle viel zu schwach. Allein könnt ihr niemals etwas erreichen. Nur in der Staffel könnt ihr Erfolge haben!“ Diese Aussage ist nicht an den Haaren herbeigezogen, sondern vor einiger Zeit während einer Lehrgangsmaßnahem des C - Kaders von dem damals verantwortlichen Verbandstrainer geäußert worden. Müssen wir uns dann über mangelndes Selbstvertrauen wundern?  Jahrelang wurde versucht, die Sprinter mit ähnlichen Begründungen auf die Staffel einzuschwören und verlangte von ihnen häufig den Verzicht auf Einzelrennen. Ich denke, dass das der falsche Weg ist, denn nur Sprinter, die durch die Mühle vieler Einzelrennen gegangen sind, sind auch in der Lage, innerhalb der Staffeln ihr Maximum zu bringen.

Die Möglichkeit, sich in der Staffel zu verstecken

Eine Staffel besteht aus vier Athleten zuzüglich zwei Ersatzleute. Welche andere Disziplin hat so etwas zu bieten? Die nationale Nummer sechs im Sprint hat die Chance zu internationalen Meisterschaften zu fahren. Ich vertrete nach wie vor die Meinung, dass niemand absichtlicht schlecht ist. Aber wenn jemand ohne größeren Einsatz mitschwimmen kann, könnte das im Hinterkopf etwas bewirken, was das Erreichen des persönlichen Maximums hemmen würde.

Vorhandene Reserven

Wenn uns die in der Vergangenheit praktizierten Trainingsmittel und  -methoden nicht weitergebracht haben, ist das noch lange kein Grund, die Flinten ins Korn zu werfen. Wir haben viele Trainerinnen und Trainer, die mit Herz und Verstand an der Sache arbeiten, 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr für ihr Hobby bzw. ihren Beruf leben und jede Minute des Tages kreativ an den Lösungen zu anstehenden Problemen arbeiten. Mit der Gesamtheit des Interesses und des Engagements sollte es gelingen, die Sprintkarre aus dem Sumpf zu ziehen. Andere Sportarten haben uns das vorgemacht: Die alpinen Ski -Herren, jahrelang mehr auf dem Niveau der Vorläufer, holen plötzlich bei der WM eine Medaille. Und um bei den der Jahreszeit entsprechenden Sportarten zu bleiben, nehme ich als weiteres Beispiel die Athleten der Nordischen Kombination: Früher absolut top, dann jahrelang zum verzweifeln, jetzt auf dem Sprung in die Weltklasse. Man sieht: Es geht, wenn man über Beharrlichkeit, Mut und Geduld verfügt.

Wo sind Ansatzpunkte für eine Annäherung des deutschen Sprints an das internationale Niveau? Neben einer Reihe anderer Möglichkeiten sehe ich beispielsweise in den nachfolgenden Bereichen vielversprechende Reserven.

Groß-Reserve: Lauftechnik

Sprint ist eine technische Disziplin. Und die Lauftechnik der Beschleunigungsphase ist eine andere als die, die dem Sprinter eine hohe Maximalgeschwindigkeit ermöglicht. Auswertungen haben gezeigt, dass bei Weltklassesprintern individuell verschieden bei 40, 50 oder 60 Metern manchmal ein leichter Geschwindigkeitsabfall mit anschließendem Anstieg auf das maximale Schnelligkeitsniveau zu verzeichnen ist. Ich denke, dass hier umgeschaltet wird von der Beschleunigungstechnik (Impulsgebung vorrangig hinter dem KSP) auf Höchstgeschwindigkeitstechnik (Impulsgebung vorrangig vor und unter dem KSP).

Reserve: Schnelligkeitsausdauer

„Folgende Erkenntnis ist für mich klar: 10,3 Sekunden können viele laufen, wer aber schneller laufen will, muss die 200 m in 21,0 und darunter laufen! 21,0 über 200 m können viele laufen, wer aber schneller laufen will, muss die 300 m in 34,0 und schneller laufen und auch die 400 m unter 48,0 laufen können!“  Diese Aussage ist schon einige Jahre alt und in T. NETT, Übungs- und Trainingsbuch der Leichtathletik, Band 1, Berlin 1969, S. 69 zu finden. Sie stammt von Bert Sumser, der nach wie vor als Sprinttrainer ein hohes Ansehen genießt.

Diese Ansicht ist überholt, verstaubt, nicht auf dem neuesten Stand? Nun gut, lassen wir einen anderen Herrn zu Wort kommen, der trotz seines fortgeschrittenen Athletenalters zu den schnellsten Sprintern zählt, die es je gab:

„Viele Sprinter laufen beim Training nur 200 oder 400 m-Strecken, aber ich lief 600 Meter. Ich trainierte mit den 400 – Meter - Läufern, weil ich stärker werden wollte. Ich wollte sicher gehen, dass ich alles, was mir beim Start fehlte, später noch aufholen konnte. Also lag es teilweise am Training, aber auch daran, dass ich mich eben größer und stärker fühlte als die anderen Jungs, und die haben viel eher schlapp gemacht als ich.“ (Linfort Christie im Gespräch mit Friedrich Bohnenkamp.

Noch ein Beispiel: Es gab Zeiten, da gaben sich deutsche Sprinter nicht damit zufrieden, über 100 m und 200 m in der nationalen Spitzenklasse zu laufen. Sie wollten mehr und deshalb war es durchaus üblich, dass sich der eine oder andere in Richtung 400 m orientierte. Die Überlegungen waren so einfach wie plausibel:

„Wenn ich eine Grundschnelligkeit von 10,3 oder 10,4 mitbringe, habe ich bei entsprechendem Training über 400 m erheblich bessere Chancen für ein internationales Niveau.“ Einer dieser Abwanderungswilligen war Klaus Ehl. Er liebäugelte einen Winter lang mit der Stadionrunde, bereitete sich auf den Langsprint vor und was geschah? Die anschließende Sommersaison wurde erfolgreich wie selten: über 100 m und 200 m!

In der Trainingsgruppe um C. Lewis standen lange Tempoläufe bis 600 m zur Herausbildung der „Ausdauer“, wie Lewis ´ Trainer T. Tellez die Schnelligkeitsausdauer in einem Fernsehinterview nannte, auf dem Programm. Der Trainer behielt sich dabei das Recht vor, Läufe abzubrechen, wenn die Lauftechnik unsauber wurde. Nur technisch saubere Läufe bringen die Sprinter weiter. Das heißt, dass längere Tempoläufe so gestaltet sein müssen, dass bis ins Ziel hinein aktiv auf technisch hohem Niveau gelaufen werden kann. In Abwandlung zu Bert Sumser stelle ich fest: 300 m in 34 Sekunden können viele laufen, wer aber gut werden will, muss die beiden Hälften in 17,0 und 17,0, besser noch in 17,5 und 16,5 (weil die zweite Streckenhälfte mit fliegendem Start beginnt) laufen. Nur dann ist gewährleistet, dass den qualitativen Anforderungen der Lauftechnik Rechnung getragen wird. Mit anderen Worten: Ungestüm angehen und hinten jämmerlich eingehen können viele. Technisch sauber bis zum Ziel laufen können nur die Erfolgreichen mit Köpfchen!

Fazit: Da es uns offenbar nicht gelingt, mit unseren Sprintern Maximalgeschwindigkeiten jenseits von 11,75 m/s zu erreichen wird es Zeit, dass wir uns auf unsere alten Stärken besinnen. Denn die Ausbildung der Schnelligkeitsausdauer haben wir jahrelang beherrscht. Zumindest die Sprintstaffel und die 400 m - Strecke wird es uns danken.

Reserve: ZUL und schnelle Läufe mit Erleichterungen

Drehen wir den Spieß doch ganz einfach um: ZWL haben wir meiner Meinung nach jahrelang über- und ZUL (Zugunterstützungsläufe) bzw. Bergabläufe unterbewertet. Dabei geht es nicht ausschließlich um Sprints im supramaximalen Bereich. Auch die Tatsache, dass es gefühlvoll eingesetzte ZUL/Bergabläufe erlauben, locker und gelöst in hohem Tempo zu laufen, bringt die Athleten oft weiter. Voraussetzung: Passendes Gelände, vorher schlau machen, Umfänge vermindern und Mut zu langen Pausen haben.

Reserve: Athletische Ausbildung

Lassen wir zu diesem Punkt noch einmal L. Christie zu Wort kommen: „...Du läufst nicht nur mit den Beinen. Die Arme und der Oberkörper sind der Motor. Je schneller du die Arme bewegen kannst, desto schneller gehen die Beine... Deine Schultern müssen entspannt bleiben, du brauchst die Kraft. Wenn die Arme zurückgehen, bekommst du die Kraft, die dich nach vorne schiebt.“ Der Sprint ist eine Ganzkörperbewegung und nur so schnell, wie das schwächste Glied der Muskelkette des Körpers. Also, liebe Sprinter, denkt daran: Unsere Sportart heißt Leichtathletik. Nehmt das „Leicht“ für das Laufgefühl und das „athletik“ als unabdingbare Voraussetzung (nicht nur für die Freibadsaison).

Reserve: Optimierung der schnellen Läufe

Die Situation ist Trainern nicht unbekannt: Bei einem 60 m - Lauf in der Halle fällt die                 Zeitmessung aus. Der Veranstalter setzt daraufhin das Rennen nach 20 Minuten neu an. Heulen und Zähneknirschen ist die Reaktion der betroffenen Sprinter, denn die Pause ist eindeutig zu kurz. Dieselben Athleten, nur drei Tage später beim Training: Fünf mal 60 m stehen auf dem Programm, sehr schnell mit vollen Pausen. Sechs bis sieben Minuten nach dem ersten Lauf werden die Sprinter unruhig. „Es geht schon wieder. Lasst uns den nächsten Lauf machen, sonst werden wir wieder kalt!“ Am Sonntag reichten 20 Minuten nicht und jetzt sind 10 Minuten viel zu lang. Da kann etwas nicht stimmen.

Wie machen es andere? Vor einiger Zeit trainierte in der Dortmunder Körnig-Halle eine Gruppe griechischer Sprinter und einer Sprinterin. Ich weiß, ich weiß: Die sind nur so schnell geworden, weil sie supramaximale Fluchtläufe einstreuten, sobald ein Kontrolleur mit Uringläsern gesichtet wurde. Auch wenn sie sicht den Vorwurf gefallen lassen müssen, ihr Verhalten erwecke den Verdacht, dass sie nicht auf Diesel (also Selbstzünder) sondern auf Super-Super-Einspritzer-Plus liefen, so war es doch interessant, wie und was sie trainierten. Interessant deshalb, weil ich von einem altgedienten und weitgereisten Kenner des internationalen Trainings anschließend als Kommentar hörte:

„So trainieren die Amerikaner auch.“ Damit war nicht gemeint, dass Trainer Dopingkontrolleure körperlich angreifen, damit Männlein samt Weiblein in Spikes aus der Halle rennen können, um umgehend im Hotel auszuchecken und auf Nimmerwidersehen zu verduften. Nein, besagter Fachmann meinte damit, dass die Art und Weise des Trainings Fachleuten durchaus bekannt sei.

Also, wie sah das Training aus? In den ersten Tagen fielen die Teilnehmer der Gruppe, die später internationale Medaillen einsammelten, den gewissenhaften deutschen Trainern dadurch auf, dass sie sich die meiste Zeit faul auf einer Matte räkelten. Ab und zu wurden dann diese Ruhephasen unterbrochen. Plötzlich und unerwartet bewegten sich die Athletin und die Athleten, rannten einmal 60 m bzw. 200 m und sanken anschließend wieder für unbestimmte Zeit auf ihr Lager. Nähere Beobachtungen und Gespräche mit dem Trainer brachten folgendes an den Tag: Die GanzkurzsprinterIn rannten maximale 60 m - Sprints mit jeweils 30 Minuten Pause. An Tagen mit niedrigen Belastungen absolvierten sie 3 Läufe, an Tagen mit höheren Belastungen jeweils mehr. Bis zu 10 Läufe wurden an Tagen mit höchsten Belastungen durchgeführt, immer mit 30 Minuten Pause. Der 200 m-Sprinter, 1997 im Endlauf der WM, rannte 200 Meter. Manchmal einen Lauf pro Tag, manchmal einen um 11.00 Uhr und einen weiteren im 18.00 Uhr und manchmal einen um 10.00 Uhr, einen um 15.00 Uhr und einen um 19.00 Uhr (oder so ähnlich). Kein Krafttraining, kein Ausdauertraining, kein weiß wer was? Nein, in dieser Phase des Trainings wohl nicht. Leider gelang des keinem deutschen Trainer, mehr über diese seltsam anmutende Methodik zu erfahren, denn wie gesagt tauchte irgendwann rein zufällig ein gewisser Kontrolleur auf, und Schwupps, waren alle griechisch sprechenden Gäste plötzlich zu einem Meeting nach Moskau eingeladen und rannten in Spikes zum Flieger! Kann man ein solches Training durchstehen, wenn man, wie bereits gesagt, nur auf Diesel läuft? Immerhin dauert das lange Programm über 5 Stunden! Ich denke, dass das nicht die entscheidende Frage ist. Vielmehr glaube ich, dass wir bei den Pausenlängen etwas lernen können. Hohe und höchste Geschwindigkeiten zur Entwicklung der Schnelligkeit haben nur dann die gewünschte Wirkung wenn die Pausenlängen eine (fast) vollständige Erholung gewährleisten. Denn nur ausgeruht kann der Sprinter schnell sein. Und somit kann es sein, dass ein oder zwei Läufe, maximal über 60 m gelaufen, in einer Trainingseinheit im Schnelligkeitsbereich mehr bringen als mehr Läufe mit unvollständigen Pausen. Wie sagte doch der Kenner der internationalen Sprintszene? „Schnelle Läufe und ganz lange Pausen? So trainieren die Amerikaner auch!“ Ach so, auf eines sollt ich immer wieder hinweisen: Wir sprechen vom Training im Männerbereich, auf keinen Fall von jugendgemäßen Belastungen

Reserven: Optimierung der Anzahl der Wettkämpfe

Dass ein Sprinter ohne Wettkampfbelastungen seine Höchstform erreichen kann, dass halte ich eher für die absolute Ausnahme. Nur die Rennen führen in Bereiche, die das individuelle Maximum erreichbar machen. Man sollte nicht immer wieder staunend feststellen, dass die „Amis bereits im März erste Freiluftrennen bestreiten und im September immer noch gut drauf sind.“ Vielmehr sollte man sich mehr Gedanken darüber machen, ob und wie Wettkämpfe richtig in das Training eingebaut werden können, damit sich die Form kontinuierlich entwickeln kann. Es ist eine Tendenz zu weniger Wettkämpfen festzustellen und ich frage mich, ob das der richtige Weg ist.

Reserve: Mut zu den Nachbarstrecken

200 m, 300 m, 400 m? Warum nicht? Ein guter Sprinter muss in der Lage sein, auch Überdistanzen laufen zu können. Wenn im Training längere Läufe gemacht werden warum sollten sie im Wettkampf nicht gelaufen werden? Generell sollten alle Sprinter so vorbereitet und damit in der Lage sein, 400 m im Wettkampf ungeschadet überstehen zu können.

Reserve: Trainerausbildung

Auch hier liegt noch erhebliches Potenzial. Die Kunst des ausgewogenen Verhältnisses zwischen Be- und Entlastung. Belasten können wir fast alle, denn darüber wird in Aus- und Fortbildungen fast ausschließlich geredet. Dabei kommt die Kunst des Entlastens häufig viel zu kurz. Training ist Be- und Entlastung in einem ausgewogenen Verhältnis. Trainer und Athleten aus deutschen Landen haben zu oft das Gefühl, zu wenig zu machen und setzen Quantität vor Qualität. Man will fleißig sein und hart trainieren. Aber auch eine angemessene Pause kann hart sein! Deshalb: Mut zu nötigen Ruhe und Muße hilf oft weiter. Wenn man auf Dauer weiterkommen will, sollte man immer so trainieren, dass man sich am nächsten Tag frisch fühlt (Ausnahmen bestätigen die Forderung).

Die Kunst der Kompensation und Regeneration

Kompensation und Regeneration werden immer wieder angesprochen und gefordert, aber kaum mit Inhalten gefüllt. Hier sind Vermutungen über Sinn und Unsinn Tür und Tor geöffnet. Der eine Trainer schickt seine Athleten nach einer harten Etappe zum Angeln und fährt gut dabei. Der andere streut verminderte Umfänge und Intensitäten ein und seine Athleten trainieren an diesen Tagen trotzdem noch mehr als andere in einer Woche. Die Auffassungen klaffen meilenweit auseinander. Das ist nicht schlimm, aber Erholung ist an bestimmt Gesetzmäßigkeiten gebunden, die oft nicht bekannt sind.

Die Kunst, Aufbauwettkämpfe in den Formaufbau zu integrieren

Welcher deutsche Sprinter ist in der Lage, durch gezielte Wettkämpfe seine Form so zu entwickeln, dass er beim Jahreshöhepunkt wirklich sein Top-Niveau erreicht? Auch hier sehe ich in den Aus- und Fortbildungen erheblichen Nachholbedarf. Von jedem wird es verlangt, kaum ein Wort fällt darüber, wie das geht. Wir sind Meister der Vorbereitungsperioden: mit niedrigen Intensitäten, extensiven Training und I 3, I 2, I 1.

Das ist alles ganz toll  -und ganz einfach, weil keine störenden Wettkämpfe dazwischen kommen. Aber wenn die Sommersaison beginnt, dann sieht das oft anders aus. Zuerst läuft alles wie am Schnürchen. Gute Zeiten, vielleicht sogar Bestleistungen, obwohl ja alles erst aufgebaut wird. Und dann, nach drei oder vier Wochen (so lang war die Hallensaison, und da lief es doch prima!) gehen die Athleten in die Knie. Faule Bande! Dabei müsste es doch jetzt richtig losgehen, denn es wird trainiert wie bisher, nur, dass die Wettkämpfe noch dazukommen. Die paar Läufchen mehr, die bringen doch erst die Form! Richtig?

Änderung der Wettkampfmöglichkeiten und Wettkampfgewohnheiten

Bei welchen Veranstaltungen, egal welchen Kalibers, werden über 100 m noch Vor-, Zwischen- und Endläufe angeboten, wo finden über 200 m oder über 400 m noch Vor- und Endläufe statt? Wo liegt zwischen Vor- und Endlauf über 100 m eine günstige Zeitspanne? Wo ist der Zeitplan so gestaltet, dass sowohl die 100 m als auch die 200 m bzw. die 100 m und die 400 m oder die 200 m und die 400 m gelaufen werden können und die Zeitabstände zwischen den Läufen den Sportlern entgegenkommen? Wo wird organisatorisch und terminlich so viel geboten, dass möglichst viele TeilnehmerInnen wettkampfwürdige Teilnehmerfelder bilden? Die teilweise erschreckend schwachen Besetzungen der Rennen sind nicht nur auf die sinkenden Zahlen der Aktiven zurückzuführen, sondern zum großen Teil hausgemacht.

Foto: Neuthe