86 Medaillen geplant – 44 erkämpft – zufrieden? - Von 28 Goldmedaillen nur 11 erreicht - „Mittelmaß-Nation“?

Nicht nur prüfen - verändern, organisieren, Leistungen wollen
Es müssten alle funktionieren die für den Leistungssport arbeiten.

2012-08_14_86 Medaillen_geplant_44_erkaempft_zufriedenEin Kommentar von Lothar Pöhlitz - Deutschlands erfolgreiche Olympioniken haben es nicht verdient, dass unser Abschneiden bei Olympia sich immer wieder auf die 86 / 28 geplanten und 44 / 11 erkämpften Medaillen fokussiert. Und trotzdem sind vor allem die angespro-chenen Trainer und Athleten bestimmt nicht böse dass dieses Problem einmal öffentlich wurde. Es zeigt nämlich, dass die Wünsche, Träume und Zielvorstel-lungen von BMI und DOSB leider nicht mit den zur Verfügung gestellten Be-dingungen korrespondieren. Großbritannien hat gezeigt, welche Leistungen von Trainern, Athleten und Funktionären „erarbeitet werden können“, wenn das Umfeld und die Organisation Hochleistungstraining ermöglicht. Auch un-sere 44 Medaillengewinner haben in den unterschiedlichsten Sportarten be-wiesen dass mehr möglich wäre. Erfahrung ist aber auch, dass niedrige Ziele zu weniger Anstrengungen führen.

Der Deutsche Olympische Sport Bund wurde im Auftrag des BMI mit der Vorberei-tung der olympischen Sportarten auf die Spiele in London beauftragt. Angesichts der Diskussion und massiven Kritik zu den Möglichkeiten deutscher Sportler, sich auf sportliche Großereignisse vorzubereiten, schienen die Funktionäre des DOSB erschreckt, beleidigt und auch ein bisschen arrogant. Sei es das Thema Trainerqualität, die Bedingungen für die Sportler und Sportarten, der Nachwuchsleistungssport, die Arbeit von Leistungszentren, die Leistungssportfi-nanzierung, die Übernahme von Verantwortung durch die Funktionäre im eigenen Haus nachdem die bekanntgewordenen Medaillen-Ziel-Aufträge an die Verbände deutlich verfehlt wurden. Dieses „zu weit weg von den Zielen“ war beispielsweise im Schwimmen, in einigen Ballsportarten, im Schießen, Segeln, aber auch in einer Reihe von Disziplinen der Leichtathletik eklatant.

Die Ausbeute von Peking (41) wurde zwar geringfügig übertroffen, aber die 16 gol-denen von 2008 wurden mit 11 klar verfehlt. Am Ende war Deutschland sechste (!) Nation, also nicht besser als 2008 in Peking, und trotzdem bemühen sich die Ver-antwortlichen immer wieder mit einem Lächeln, das „wir sind zufrieden“ rüber zu bringen. Stagnation bedeutet aber Rückschritt, zumindest hat man mir das bereits im Studium beigebracht. Da hilft auch keine besondere Darstellung der Erfolge der Sportarten die zwischen den Olympischen Spielen in Deutschland und in der Welt fast unbekannt sind und in der Presse meist nur mit wenigen Zeilen bedacht wer-den. Das macht den Athleten zwar Freude, kann aber nicht über die Defizite hinwegtäuschen.

Das Fazit: es hilft kein schönreden, hohe Ziele wurden erteilt, die notwendigen Be-dingungen zur Erfüllung nicht geschaffen bzw. zur Verfügung gestellt. Das ist Tatsache. Wir können so nicht weitermachen, wenn andere Nationen massiv in den Hochleistungssport und Nachwuchsleistungssport investieren - sonst wird Deutschland als einstige Sport-Nation nicht mehr ernst genommen. Die Statements haben leider auch gezeigt: Dr. Thomas Bach und DOSB - Direktor Michael Vesper haben keine Lösungen. Ein Grund ist sicher auch, dass Geldgeber und Sponsoren nicht wahrhaben wollen, was für das Training für die Vorbereitung von Medaillen bei Olympischen Spielen erforderlich ist. Man möchte ja gern jubeln. Am besten wäre es wohl, wenn sich Sportler und Trainer ohne finanzielle Unterstützung selbständig vorbereiten würden und zur Nominierung fit sind. Es reicht also nicht, das Sportsystem auf den Prüfstand stellen zu wollen, wie es Dr. Thomas Bach als Fazit formulierte. Es hilft nur die Veränderung: wer Leistungen will muss die Bedingungen dafür schaffen. Olympischer Sport, zumindest in der Leichtathletik und im Schwimmen, ist Profi-Sport. Er lässt keine Arbeit nebenbei zu, er muss von Profi-Trainern geführt werden und erfordert die notwendige Zeit, um konkurrenzfähig zu werden! Großbritannien wunderbar!

1,27 Milliarden Euro für den englischen Schul- und Nachwuchssport

Und wundern muss man sich nicht, dass sich jetzt wieder die „Leistungsverweigerer“ – sogar aus dem Sportausschuss des Deutschen Bundestages - zu Wort melden, die Deutschland nicht nur im Sport sondern auch bei der Modernisierung von Bahnhöfen, Flughäfen, Stromtrassen lieber auf Talfahrt sehen. Sie fordern wieder, dass jetzt das „viele“ Geld für den Spitzensport weiter gekürzt werden müsse. Offensichtlich fehlt ihnen die Fachkompetenz zu beurteilen, wie es beispielsweise Großbritannien geschafft hat innerhalb eines Olympiazyklus nicht nur die eigene Bevölkerung so glücklich zu machen. Es sind genau die, die sich nicht zu Wort melden wenn es beispielsweise um eines unserer größten nationalen Probleme, den Niedergang des Schulsports und die Gesundheit und Bewegung unserer Kinder geht. Die Olympischen Spiele waren noch nicht zu Ende, da hat Englands Premierminister David Cameron Sebastian Coe zum künftigen Sportbeauftragten der Regierung berufen. Er soll ein ambitioniertes Regierungsprogramm umsetzen, um aus dem Erfolg der Olympischen Spiele eine langfristige gesellschaftliche Strategie im Sport zu entwickeln. Dazu soll in den nächsten fünf Jahren eine Milliarde Pfund (1,27 Milliarden Euro!!!) in den Nachwuchssport und in den Schulsport fließen. „Wir brauchen mehr Wettkampfsport in den Schulen“, sagte Cameron.

Medaillenspiegel

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Das „Zielprodukt“ darf nicht nur Auftrag sein

Kurz vor und nach den Olympischen Spielen von London wurde die Kritik an der Arbeit des DOSB zwischen 2008 und 2012 aus verschiedenen Richtungen massiv und öffentlich. Die Verantwortlichen des DOSB, Präsident Dr. Thomas Bach und sein Generaldirektor Michael Vesper, schienen nicht nur erschrocken sondern auch unvorbereitet auf die Kritik von den Medien und den „Alleingelassenen im Hochleistungssport“. Sie hätten aber wissen müssen, dass immer vor solchen Höhepunkten die Chance wahrgenommen wird, die Unzufriedenheiten mit den in den jeweils zurückliegenden 3 Jahren nicht aufgearbeiteten Problemen zu thematisieren.

Vor allem die ersten Reaktionen haben verwundert, weil man den Eindruck hatte, dass der seit 2006 für die praktische Umsetzung von Beschlüssen im Hoch- und Nachwuchsleistungssport zuständige ehemalige Politiker Vesper der Gewohnheit nachgeht, Verantwortung zu übernehmen aber nicht zu tragen. „Was ich vorgestern gesagt habe ist schnell verjährt“ – in diesem Falle sieht sich Herr Vesper scheinbar gar nicht als oberster Verantwortungsträger für Deutschlands Vorbereitung (im um-fassenden Sinne) und Abschneiden bei Olympischen Spielen. Der DOSB ist doch wohl Auftragnehmer des BMI und Arbeitgeber für die DOSB - Mitarbeiter, die Ver-bände und die hauptamtlichen Trainer und somit verantwortlich für die Bedingungen, die wie in einer Firma das „Zielprodukt“ ermöglichen!

Nun ist es gerade noch einmal gut gegangen

Deutschland ist mit einem blauen Auge davongekommen, Platz 6 – 11 x Gold, 19 x - Silber - 14 x Bronze, für die Verantwortlichen Dr. Bach und M. Vesper „wurden die persönlichen Erwartungen übertroffen“, auch wenn wir nicht mehr wie einst zu den Besten gehören. Die Verlierer wurden in den 2 tollen London-Wochen selten ge-schont. Wer die Erwartungen – immer wieder der Ruf nach Gold und ja nicht Blech – nicht erfüllen konnte – wie z.B. im Schwimmen, wurden von den übertragenden TV-Sendern „vorgeführt“, für ihr Debakel nicht selten gedemütigt und für das Desaster verantwortlich gemacht. Sie sind aber die falschen Adressaten. Schließlich ist der Sport der Spiegel unserer ganzen Gesellschaft, Mittelmaß auf breiter Front, wenig Bildungsanspruch führt zu fehlenden Fachpersonal oder zu fehlenden Lehrlingen mit Leistungsanspruch, „Quälix“ wird gern negativ besetzt und nicht als Voraussetzung für Spitzenleistungen unterstützt. Eliteschulen des Sports wurden vom DOSB zwar geschaffen, ihre Entwicklung und Nutzung als Kaderschmieden für Deutschlands internationale Konkurrenzfähigkeit aber kaum betrieben. Kein Wunder, dass großen Teilen unserer Jugend der Siegeswille fehlt. Die 68er haben den Sportgeist und den Leistungsanspruch – auch das schneller – höher – weiter aus der Leichtathletik - aus dem Schulsport vertrieben und die Länderregierungen pflegen dies bis heute. Veränderungen würden ja Geld kosten!

Die Präzisierung des Leistungssport-Fördersystems ist dringend

Bisher wurde die Chance vertan einmal konkret in weiteren Ausführungen eine Präzisierung des Leistungssport – Fördersystems offenzulegen. Da wurden Reserven in der Zusammenarbeit mit den Olympiastützpunkten angesprochen, aber dass sie die hohen Erwartungen seit ihrer Gründung nicht erfüllt haben und neu aufgestellt werden müssten wird nicht thematisiert. Da wird nur hinter vorgehaltener Hand – bei immer weniger Geld eine echte Konzentration der Mittel und Kompetenz des Hochleistungstrainings, der wenigen Hochbegabten in Bundesleistungszentren angedacht. Da sollte auch präzisiert werden wie wir zukünftig Talente suchen und von hochqualifizierten Nachwuchs-Trainern ausbilden werden, vielleicht kann England der letzten Jahre ein Vorbild sein. Da sollte niemand auf den falschen Gedanken kommen, diese Aufgabe tangiert die Allgemeine Leichtathletik überhaupt nicht!

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Nun sind die 86 verordneten Medaillenziele Herrn Vesper peinlich

Die persönliche Bestleistung beim Höhepunkt ist der Maßstab – wir wollen mindestens so abschneiden wie 2008 in Peking formulierten Dr. Bach / M. Vesper bevor alles begann, dabei sollten 86 Medaillen und 28 Goldmedaillen kommen, das wäre ein Platz unter den 4 Besten, sollten wir uns das nicht zutrauen? Nachdem diese Ziele nun öffentlich wurden ist es Herrn Vesper peinlich, in Politikermanier negiert er die Festlegungen von gestern. Mehr wünschten sich die Medien und auch die deutschen Sport-Fans, am liebsten Gold – Gold – Gold und bitte kein Blech. Die Kritik wenn ein Finale verfehlt wurde war teilweise scharf, aber die deutschen Sport-Fans wollen, wie die Medien „Spaß an Erfolgen“, das wir mit den Großen nicht nur im Fußball „mitspielen“ können, so wie es einst war! In BILD (11.8.2012) fand man solche Sätze: „unser Sport glänzt nicht mehr so wie früher, wir schauen mit Bewunderung und ein bisschen Neid auf Großbritannien, das wollen wir auch, die schlechteste Gold-Ausbeute seit der Wiedervereinigung,“ Die inzwischen gewünschten Olympischen Spiele im eigenen Land sind aber so weit weg, das man sich auf eine solche „Ferne“ nicht einstellen sollte. Wir brauchen die Veränderungen jetzt sofort, die nächsten Olympischen Spiele sind doch bereits in 4 Jahren! Das schließt natürlich Olympische Spiele später in Deutschland nicht aus. Jetzt geht es erst einmal darum, 2016 mehr zu können und am besten auch zu wollen.

Vorrangig: in der Trainerproblematik nun endlich ernst machen

In einem Beitrag in sueddeutsche.de vom 24.7.2012 räumte der DOSB-Generaldirektor ein, dass die Degenfechterin Duplitzer (Olympiateilnehmerin von London) mit ihrer massiven Kritik zu den Möglichkeiten deutscher Sportler, sich auf sportliche Großereignisse vorzubereiten, auch korrekte Dinge gesagt habe. "Teilweise ist das richtig. Wenn ich an die Trainer denke, dann stimmt es, dass sie schlecht bezahlt werden und deswegen vom Ausland abgeworben werden" sagte Vesper. Es kommt aber darauf an, das Problem zu lösen und es nicht nur zu beklagen. Aber Herr Vesper, eine richtige Traineroffensive (s.u.) wurde doch bereits 2005 beschlossen!

Erfolgstrainer fallen nicht vom Himmel

Immer wenn gerade Olympische Spiele sind will man sich um die Trainerausbildung, Trainerrekrutierung und- besoldung „kümmern“ – aber hallo, da wird doch wieder nichts draus. Warum wird die offensichtlich nicht gelungene „Traineroffensive des DOSB aus dem Jahre 2005“ (!!!) so nebenbei erwähnt als wäre sie gerade gestern gestartet worden? Aber wir haben nicht nur ein dickes Leistungssport – Trainerproblem, die DOSB - Mitarbeiter müssen wohl ihre Hausaufgaben auch besser machen und die Arbeit im Nachwuchsleistungssport in den Ländern muss zukünftig die Voraussetzungen für die Erfüllung der Leistungszielvereinbarungen zwischen DOSB und Verbänden schaffen. Aus London erfährt man dass sich GBR von den 2000 in Sydney erfolgreichen Australiern „Qualität“, Profi-Trainer eingekauft hat. Das sollte vordergründig nicht unser Ziel sein, der schnellste Weg wäre unsere Trainer durch ausländische Erfolgstrainer zu qualifizieren.

Für Olympische Medaillen und Final-Plätze werden Hochbegabte, Talente ge-braucht, die entdeckt werden müssen und in einem anspruchsvollen Nach-wuchsleistungstraining auf das Hochleistungsalter vorbereitet werden müssen. Auch dafür brauchte es eine neue Strategie, Elite – Leistungszentren mit Hochleistungs-Trainingsbedingungen, auch Eliteschulen des Sports die im Anspruch ihrem Namen gerecht werden, wie es sie in anderen Ländern schon seit Jahren gibt. Dankenswerte und nützliche DOSB - Aufgaben wären auch eine ernsthafte Diskussion mit den Landesverbänden – zumindest ihrer Nach-wuchsvorbereitung für den Leistungssport und das zu renovierende Leis-tungssport - Fördersystem.

Auf den Internet-Seiten des DOSB gefunden:

Ohne Trainer keine Medaillen - Traineroffensive vom 29. November 2005 Der Trainer ist der wichtigste Partner des Athleten. Mit der Verabschiedung der Trai-neroffensive am 29. November 2005 durch den Bundesvorstand Leistungssport sol-len die Position und der Stellenwert von Trainerinnen und Trainern weiter gestärkt werden.

In der rasanten Entwicklung des modernen Hochleistungssports obliegt den Traine-rinnen und Trainern die professionelle Betreuung der nach Höchstleistungen stre-benden Sportlerinnen und Sportler und damit die Steuerung des Trainings- und Wettkampfprozesses.

„Ohne Trainer keine Medaillen!“ Unter dieser Prämisse ist es erforderlich, die gesell-schaftliche Anerkennung des Trainerberufs deutlich zu erhöhen. Im Einzelnen geht es um die Steigerung der Attraktivität und um die Sensibilisierung der Öffentlichkeit für den Trainerberuf. Die Honorierung herausragender Leistungen von Trainerinnen und Trainern durch die Einführung des DOSB-Trainerpreises ist hierfür eine wichtige öffentlichkeitswirksame Maßnahme. Außerdem müssen die finanziellen und arbeitsrechtlichen Rahmenbedingungen für den Trainerberuf verbessert werden. Schließlich ist die Traineraus- und -fortbildung zu optimieren, um vorhandene Wissensbestände zeitnah in die Trainingspraxis zu transferieren.

Foto: Lothar Pöhlitz