Der Kindersport muss zur Chefsache werden – jetzt*

Wer Talente nicht sucht und ausbildet, wird immer zweiter Sieger sein

2012-03-06-Der_Kindersport_muss_zur_Chefsache_werden(Von Lothar Pöhlitz – Dipl.-Sportlehrer, Sportwissenschaftler) - Die aktuellen DLV-Elite-Teams und ihre Leistungsausgangspositionen spiegeln auch für den bei CONDITION vor allem interessierenden Laufbereich die Leistungsfähigkeit unserer Jugend im Weltmaßstab und die Talentarbeit der Leichtathletik-Landesverbände im letzten Jahrzehnt wider und erinnern daran, dass die „Talentsuche – Talentausbildung“ und eine Konzentration von Spitzenkräften ganz oben auf die Agenda müssen, wenn sich Deutschlands Fans auch im Laufen bei zukünftigen EM, WM oder OS wieder über Sondermeldungen vom Podium freuen sollen. Leider handelt es sich nicht nur um eine Problem der Sportverbände sondern um ein gesamtgesellschaftliches Problem.

Es gibt derzeit einen „Nachwuchsmarkt“ nur in der Wirtschaft. Sie ringt ständig öffentlich um Nachwuchselite, das zeigt, dass im letzten Jahrzehnt die Bildungsinhalte nicht nachhaltig modernisiert wurden. Den ehemaligen wenigen Laufleistungszentren scheint es ähnlich zu gehen. Früher haben sie den einen oder die andere auch einmal aus anderen Landesverbänden im Interesse der Öffentlichkeit in die Spitze geführt. Heute wird offensichtlich überwacht, dass die Talente in Strukturen festgehalten werden, die ihre Ausbildung zum Spitzenathleten nicht fördern. Da fragt man sich: ist die Motivation, das Interesse, die Lust, der Spaß oder vielleicht auch das Wissen und Geld der Wege zum Ziel ausgegangen? Auch weil ihre Leistungen nicht ausreichend sachlich bewertet werden oder sie vielleicht intern sogar abgemahnt werden und so sich nicht in die richtige Richtung bewegen. Oder behindern die, die bereits intensiv gegen die Modernisierung Deutschlands demonstrieren, auch die internationale Konkurrenzfähigkeit im Sport unseres Landes? Auch der seit Jahren öffentlich unbeachtete Schulsport wird in der gegenwärtigen Bildungsoffensive kaum diskutiert. Dabei ist es Zeit, Kindern wieder das „Bewegen zu lehren“ und die körperliche Entwicklung ins Bildungssystem zu integrieren.

„Nervenzellen entstehen immer neu, vor allem, wenn man sich körperlich anstrengt.“ (Prof. Dr. Tobias Bonhoeffer)

Mangelnde Beweglichkeit, Motorik- und Koordinationsprobleme, Verhaltensstörungen und Haltungsschäden, Fettleibigkeit und Kinderkrankheiten nehmen immer mehr zu und werden seit Langem von den Ärzten intensiv beklagt.

„Bewegung lehren“ – eine Aufgabe des Tages

Eine auch schon von der Vorgängerregierung vernachlässigte, nun aber dringend notwendige sportliche Vergangenheitsbewältigung an den Schulen würde natürlich richtig Geld kosten. Der letzte OECD-Bericht dass in Deutschland jeder Zweite unter Übergewicht und jeder Sechste unter Fettleibigkeit leidet, ist auch das Ergebnis eines seit Jahren vernachlässigten Schulsports und einer mangelhaften Ernährungsaufklärung unserer Jüngsten und ihrer Eltern. Für den Sport bedeutet das zugleich, dass vor allem im Altersbereich zwischen 6-10 Jahren auch die Talente nicht „geweckt“, entdeckt und bewegt wurden.

Kindersport muss in den Regierungen zur Chefsache werden. Es geht alle an, vor allem auch die Ministerpräsidenten und die zuständigen Minister für Sport und Bildung aller Länder. Der Kinderschulsport (vor allem die Versäumnisse im Altersbereich der 6-12-Jährigen) sollte auf einer Agenda „Bildung & Sport“ ganz oben stehen.

Ein Neubeginn ist im Interesse aller, auch der Krankenkassen, überfällig. Vielleicht helfen die TV-Anstalten und Medien gemeinsam mit der Deutschen Sporthilfe, den Krankenkassen, dem DOSB und den LSBs unseren Kindern durch vielfältige Aktivitäten. „Bewegung lehren“ durch täglichen Sport, auch im Rahmen der aktuellen Tendenz zu den Ganztagsschulen wäre eine Aufgabe! Auf alle Fälle darf dieses riesige Problem nicht weiterhin links liegen bleiben. Es muss auch verhindert werden, dass aus dem Bereich der Bildungsverantwortung diese Aufgabe den Vereinen zugeschoben wird, weil die Vereine mangels „Qualitäts-Trainer für den Kindersport“, geeigneter, oft geschlossener Sportanlagen und immer weniger Freizeit der Kinder durch Hausaufgabenüberfrachtung dieses Problem nicht leisten können.

Und was die Konkurrenzfähigkeit im Leistungssport betrifft, gilt: „Talente gibt es überall in der Welt, auch in Deutschland. Aber nur Trainer können Talente entdecken und sie vorsichtig ausbilden.“ (D. Hogen in leichtathletik, 2010)

In der privaten Wirtschaft kann man die Verantwortung den Unternehmen zuschieben, die ihren Nachwuchs gefälligst selbst zu suchen und auszubilden hätten, wenn ihre Firma nicht Bankrott machen will. Leichtathletik-Landesverbände können wohl nicht in Insolvenz gehen, wenn sie keine Talentarbeit leisten. Ein paar Sportinteressierte oder Übergewichtige finden sich immer, die von selbst etwas für ihre Gesundheit tun wollen. Wer hat den Mut der aktuellen Situation offensiv gegenüber zu treten, die Talentarbeit zu bewerten, Mitstreiter zu aktivieren? Für die Durchführung von Kreismeisterschaften fanden sich in den letzten Jahren immer noch genügend Teilnehmer, aber auch da sieht man immer mehr „Alte“. Das ist zu wenig.

Ernährungsgewohnheiten, Mengenlehre und Bewegung im Vorschulalter sind in Elternverantwortung

Die Verantwortung vor allem der Eltern liegt in der Anerziehung von Ernährungsgewohnheiten, einer Mengenlehre auf dem Teller und das Bewegen ihrer Kinder im Säuglings- und frühen Kindesalter. Bewegungskindergärten und der Schulsport sollten das kontinuierlich fortsetzen, aktiv Einfluss auf die weitere Erziehung durch mehr körperliche Bewegung und Wissensvermittlung zur Ausprägung der Intelligenz nehmen und bedenken, dass vor allem in einem gesunden Körper ein gesunder Geist „lebt“. Wenn in diesem Altersbereich weiterhin verpasst wird, unseren Jüngsten das Bewegen zu lehren und die körperliche Fitness durch möglichst täglichen Sport wieder zur Gewohnheit werden zu lassen, sind mangelnde, auch geistige Beweglichkeit und Intelligenz, Koordinationsprobleme, Krankheiten und Haltungsschäden und die systematisch zunehmenden Stunden vor dem Computer vorprogrammiert. Es werden zukünftig nicht nur die bereits in die erste Klasse mit Übergewicht Eingeschulten systematisch den Krankenkassen zugeführt und das Staats- und Gesundheitsbudget derzeit und in Zukunft im undenkbaren Maße belastet.

Kindergärten und Schulen könnten vom 4.-19. Lebensjahr die zukünftige Leistungsfähigkeit der Nation positiv beeinflussen, 15 Jahre lang Einfluss auf die Erziehung, Gesundheitserziehung, sportliche Bildung und Wissensvermittlung und damit auch auf die Ausprägung der Intelligenz nehmen. Die mögliche parallele Einflussnahme auf die körperliche Fitness, die Vorbereitung auf eine höhere individuelle Leistungsfähigkeit im richtigen Leben, auf eine normale Figur, auf mögliche Anforderungen Bildung mit Sport zu verbinden – die ganzheitliche Leistungsfähigkeit von Jahr zu Jahr weiterzuentwickeln, darauf wird derzeit größtenteils verzichtet! Die Lehrer-/Sportlehrer, aber auch die Elternverantwortung ist riesig: in Kindergärten und in den Schulen Bildung und Sport zu verbinden, Intelligenz zu entwickeln und Bewegung zu lehren. Da könnte man auch auf Diäten und Einrichtungen zum Abnehmen verzichten.

Kürzlich erzählte mir eine Sportlehrerin, dass in ihrer neuen 11./12. Klasse beim Schwimmunterricht gleich mehrere Schüler schon nach wenigen Metern blass und kaputt aus dem Wasser krochen, ihr fast abgesoffen wären! Sie war entsetzt. Und eine andere, dass sie für dringend benötigte Bälle aufgefordert wurde, sich doch einmal um Sponsoren zu bemühen.

Fotos: Pöhlitz, *Quelle: Condition 3/2012