Zwei für Toro, oder wie knacken wir die Nuss?

Für und Wider: Cross-EM aus methodischer Sicht

2007-11-29-cross-em-ja-oder-nein29. November 2007 (Ring) - Mit Susi Lutz und Philipp Pflieger haben sich zwei aus der Domspitzmilch-Trainingsgruppe für Cross-Europameisterschaften im spanischen Toro qualifiziert. Das war nicht ganz einfach. Deshalb soll hier die Problematik Cross-Europameisterschaften für unseren jungen Nachwuchs und deren Vorbereitung noch einmal in den Mittelpunkt gestellt werden, weil diese Vorbereitung aus trainingsmethodischer Sicht für die Trainer immer wieder wegen ihrer polarisierenden Stellung im Terminkalender ein absoluter Balanceakt ist.

Der Zeitpunkt der Meisterschaften

Die Cross-Europameisterschaften finden alljährlich anfangs Dezember statt, mitten im Wintertraining in der ersten Phase der Grundlagenausbildung innerhalb der gesamten Jahrestrainingsvorbereitung. In Trainerkreisen wird dieser Termin als recht unglücklich empfunden, weil der Vorbereitungszeitraum nach der Übergangsperiode für solch einen Höhepunkt eigentlich viel zu kurz ist, wenig Spielraum für einen ausreichenden Qualifikationsmodus da ist, aber auch mit wenig Optionen auf mehrere Vorbereitungsrennen. Dies sieht eigentlich auch der für den Crosslauf zuständige Bundestrainer Detlef Uhlemann so. „Eine EM Mitte bis Ende Februar, zir-ka vier Wochen vor der Cross-WM wäre trainingsperiodisch eine sinnvollere Maßnahme.“ Obwohl dem so nicht ist, will er verständlicherweise doch nicht auf die Teilnahme der deutschen Athleten/Innen verzichten. „Schließlich ist das die einzige Möglichkeit, wo sie nach derzeitigem Stand der Dinge in Sachen Crosslauf international punkten könnten. Für Erfolge bei einer Cross-WM, die traditionell meistens in der dritten Woche des März besser platziert ist, reicht das momentane nationale läuferische Potential nicht.“ Die von ihm und vielen anderen gewünschte terminliche Verlegung scheint nicht machbar, weil die EAA inmitten der Wintersportevents trächtigen Februars für eine Cross-EM schlechte Vermarktungsmöglichkeiten sieht.

Schwierige Vorbereitung

Ausgehend davon, dass der weitaus größte Teil der Athleten/Innen eine abgeschlossene Bahnsaison bis frühestens Ende August (die internationale Meeting-Saison wurde erst am 16.9. mit dem ISTAF beendet und die letzte Deutsche Meisterschaft fand am 16.9. mit den 10 km auf der Straße statt) und zwingend eine dreiwöchige Regenerationsphase folgt, kann die Vorbereitung für die Cross-EM frühestens Ende September /Anfang Oktober beginnen. Es bleiben also maximal 6-8 Wochen bis zur Qualifikation beim Darmstadt-Cross und damit nur wenig Freiraum für eine ruhige, systematische erste Basisphase, respektive einem vielleicht angedachten semi-spezifischen Trainings. Gehört man nicht zu der Klasse, für die die Qualifikation selbstverständlich ist bzw. jene Europameisterschaften ein netter Baustein zum Saisonaufbau bedeuten, darf in der knappen Vorbereitungszeit nichts, aber auch gar nichts dazwischenkommen, um Anfang Dezember in Topform an der Startlinie zu stehen. Zum weniger privilegierten Läufer/Innenprofil gehören fast alle deutschen Athleten/Innen. Festgehalten kann werden: je größer die Anzahl der Trainingsjahre, desto höher die schon verfügbaren Grundlagen, desto einfacher der Einstieg in eine spezielle Vorbereitung. Einem geradezu arroganten Ansatz, „das packen wir doch mit vier Wochen Alternativtraining und ein paar Tempoläufchen danach innerhalb der sechs Wochen bis Darmstadt“ kann bei seriösem Denkansatz nicht Folge geleistet werden.

Altersbedingte Problematik

2007-11-29-cross-em-ja-oder-neinBesonders problematisch wird die Vorbereitung für alle U20-Athleten. Gerade jene Jugendlichen, die in der gerade mal abgelaufenen Saison mit einer langen Bahnsaison und nationalen Nachwuchstitelkämpfen Anfang August, vielleicht noch einem Abstecher zu den Deutschen Juniorenmeisterschaften Ende August, brauchen eigentlich zwingend eine drei- bis vierwöchige Regenerationsphase mit anschließendem Neuaufbau. Langjährige Erfahrungen lehren (auch über Leistungsdiagnostik nachweisbar), dass besonders 15-18-Jährige in dieser Phase einen deutlichen Verlust im Niveau der Grundlagenausdauer (vL3) hinnehmen müssen. Dies war auch der Grund, warum zum Beispiel Susi Lutz in ihren recht erfolgreichen Jugendjahren nie an die Aufgabe Cross-Europameisterschaften herangeführt wurde und die Vorbereitung von Deutschen Crossmeisterschaften Ende November eine sehr schwierige Aufgabe war.
So muss man das fast kollektive „Versagen“ der Mädchen (nur Katharina Heinig machte eine Ausnahme) des C-Kaders in diesem Jahr als Ergebnis dieser Problematik werten. Viele dieser Läuferinnen haben sogar ganz auf die Teilnahme am Qualifikationsrennen verzichtet. Dies soll aber keineswegs die Leistungen der jetzt Qualifizierten schmälern. Vielleicht hatten sie einen schlechten Sommer und sind früher in die Vorbereitung eingestiegen, vielleicht haben sie einen Entwicklungssprung gemacht, vielleicht zeigen sie von vornherein große Eignung für das Laufen im schweren Geläuf.

Von der Hand in den Mund

So muss festgehalten werden: Die daraus entstehende „Dreifachperiodisierung“ bedarf großer Kenntnisse in der Trainingsplanung und einen klugen Einsatz der formgebenden Mittel. Dem klaren Bild der Erwachsenen, deren Trainingsperiodisierung sowieso vielfältigere Möglichkeiten offen stehen kann jenes der Jugendlichen nicht entsprechen. Ich meine, die Jugendlichen nach dem Einlauf in Darmstadt, ohne weitere Leistungsbestätigung, ohne jegliche bisherige nationale Reputation, allein auf Grund dieses einen Rennens ins Nationaltrikot für Europameisterschaften zu stecken, ist ein zweifelhaftes Vorgehen. Auch die Sicherheit über eine begleitende sportärztliche Untersuchung bleibt offen, was noch lange nicht heißen soll, dass jene Senkrechtstarter kein seriöses Training gemacht, keine gut ausgebildeten Trainer haben und medizinisch nicht gut betreut sind. Die wichtigste Frage aber bleibt die nach einem seriösen Trainingsaufbau unter dem Gesichtspunkt unseres derzeitigen Leistungsstandes in den Laufdisziplinen und dem Weg zu einem höheren Entwicklungstempo. Allein eine Nominierung zu einer Cross- EM löst dieses Problem doch nicht. Die Forderung nach Strukturierung geht alleine an den Verband, der bei diesem Modus ganz einfach zu wenig von der Vorbereitung der meist noch relativ unbekannten Nachwuchsläufer/Innen mitbekommt.

Lösungsansätze zum gezielten Handeln

Das Angehen einer EM-Teilnahme erfordert eine andere, wohl durchdachte Handlungsweise. Ansätze dazu hat der DLV in der Form schon getätigt, dass er sein Kaderpotential auf EM-Ambitionen abgefragt hat. Dies ist aber nur ein erster Schritt. Die Initiative erfolgte zu spät (Anfang September). Es scheint doch durchaus machbar, jene Erhebungen schon Anfang August durchzuführen, um mit Trainingsbeginn einen geschlossenen Kader mit einem konkreten Ziel hat und der überhaupt nicht nach „C“ oder „B“ eingeteilt werden muss. Um den ehrgeizigen Aufsteigern der U20, die noch ohne Bundeskaderstatus herumlaufen, eine reelle Chance zu geben, könnte durchaus ein Vornominierungsrennen, das auch auf der Straße stattfinden kann, für die zwei bis vier „wildcards“ Anfang September stattfinden. Erfolg setzt planmäßige Vorbereitung auf immer höherem Niveau voraus.

Zu fördern sind die Bundeskader, zu beobachten alle

2007-11-29-cross-em-ja-oder-neinVorausgesetzt, dass der Verband in Zukunft willens ist, im Vorfeld gut getestete und hinreichend leistungsauffällige Jungtalente unabhängig ihrer entwicklungsbedingten Schwankungen längerfristig (d.h. mindestens drei Jahre) im C-Kader zu fördern, muss er sie auch an internationale Herausforderungen heranführen. Selbst dann, wenn hin und wider „Nicht-Kader-Athleten“ besser sein sollten. Natürlich wird es immer wieder Reserven in der Auslese geben, auch in Richtung Quereinsteiger, die ihr Leistungs-coming-out eben erst später haben. Dafür gäbe es die „wildcards“ bzw. auch die Möglichkeit einer begleitenden Beobachtung und vielleicht sogar Einbeziehung in Informationen oder andere Maßnahmen der Verbandstrainer.

Maßnahmenbündel zur Leistungsoptimierung, längerfristig und konkret

Vielleicht braucht man auch keinen eigenen Crosskader, sondern nur noch die wohl gplnte und gut strukturierte Bündelung der startwilligen schon vorhandenen Kaderathleten/Innen. Rechtzeitig (im August) in Absprache mit den Heimtrainern aus dem Langstreckenkader muss eine langfristige Vorbereitung auf die EM-Quali oder EM besprochen und festgelegt werden. Diese „Auswahl“ könnte dann mit einer gewissen Planungs- und Trainingssicherheit das Ziel Cross-Europameisterschaften vorbereiten, mit Leistungsdiagnostik, einem 10-tägigen Trainingslager in den Herbstferien oder Mitte bis Ende Oktober, zweier, auch internationaler Starts Mitte bis Ende November, und einem für alle Cross-Kader-Mitgliedern eindeutigem Qualifikationsmodus absolut zielgerichtet vorhehen, also mit einem langfristigen Formaufbau zu den kontinentalen Titelkämpfen hin. Optimal ist eine 14-tägige Regenerationsphase danach und als nächstes Jahresziel die Cross-DM, vielleicht sogar eine nach diesem Vorbild langfristige Vorbereitung auf einen nächsten Höhepunkt, die Cross-WM im März.

Foto: Philipp Pflieger (Lutz-Foto), Susi Lutz (Lutz-Foto), BLV-Cross 2006 in Freising (Kiefner-Foto)