Lauf / Gehen hat die Reifeprüfung leider nur in Hengelo bestanden

Schembera ist unsere Hoffnung - bei U 18 + U 23 – „Abitur“ keine Medaille

2007-07-28-reifepruefung-leider-nicht-bestanden28. Juli 2007 (Pöhlitz) - Innerhalb weniger Wochen durfte oder „musste“ - wenn man die Ergebnisse des Blocks Lauf/Gehen einmal separat betrachtet, der DLV, seine Bundestrainer, die LV und die Heimtrainer eine Bestandsaufnahme über die geleistete Arbeit im Jugend-Aufbau- und Anschlusstraining der letzten Jahre, sozusagen auf breiter Front, abliefern. Dabei fiel das Fazit für den DLV insgesamt erfreulich positiv aus. Bei der U-18-WM viertstärkste Nation, bei der U-23-EM erkämpfte Deutschland sogar hinter Russland den zweiten Platz in der Nationenwertung und bei der U-20-EM glänzte der DLV-Nachwuchs mit 16 Medaillen und ebenfalls Platz zwei. Schmerzlich ist, dass der Bereich Lauf/Gehen dazu leider nur bei der U-20-EM einen kleinen Beitrag leisten konnte. Robin Schembera wurde in Hengelo erwartungsgemäß Junioren-Europameister über 800 m, Matti Markowski gewann überraschend in schönen 30:11,75 die Silbermedaille über 10000 m. Dabei hätte eigentlich hilfreich sein müssen, dass im Gegensatz zur U-18-WM bei den U-20 und U-23-Jahrgängen die „Lauf-Welt“ fehlte und es „nur“ Europameisterschaften waren.

Die Mehrzahl der Läufer und Geher und ihr Umfeld, die nicht mit der „Quali“ allein zufrieden waren und mit großen Optimismus, Hoffnungen und Erwartungen zu ihren Jahreshöhepunkten gefahren sind, müssen nun darüber nachdenken wo die Gründe für die Gesamtsituation liegen. Schließlich ragt ja kein Disziplinbereich irgendwie heraus. Deshalb darf man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Wer nicht fachlich sachlich genug die für ein gutes Ergebnis notwendigen Leistungen plante und dafür trainierte, im Vorfeld in Wettkämpfen die Auseinandersetzung mit Gegnern suchte, die dem zu erwartenden Leistungsniveau bei den Höhepunkten entsprachen, hat sicher beträchtliche Enttäuschungen erlebt. Wer seine persönliche Bestleistung beim bisher wichtigsten Wettkampf seiner bisherigen sportlichen Karriere nicht erreichte oder wenigsten in seine Nähe kam, sollte gründlich analysieren und nicht zweifeln ob dies überhaupt möglich sei. Optimismus im Vorfeld erleichterte den Athleten die Aufgabe auch nicht. Die recht positiven Berichte und Vorschauen in leichtathletik über unseren Nachwuchs (z.B. „Debrecen kann kommen“ über René Bauschinger oder die vielen Berichte über gute, sehr gute oder sogar Superleistungen unseres Nachwuchses aus allen Landesteilen- bzw. auch -verbänden) zeigen doch eigentlich im nach hinein die Differenzen zwischen Erwartung und unserer tatsächlichen Leistungsfähigkeit wenn es ernst wird. Wer gibt eigentlich bei der Medienarbeit dafür den Maßstab vor und macht es damit den jungen Athleten bei der Prüfung der Wahrheit zusätzlich schwer? Es wäre für unseren jungen Nachwuchs hilfreich einmal über eine differenziertere Berichterstattung für den Breiten- und Seniorensport auf der einen Seite und den Leistungs- bzw. Hochleistungssport auf der anderen Seite nachzudenken. Eine realistischere Einordnung von Leistungen zur rechten Zeit hilft im Endeffekt allen. Dabei kann man nicht von jedem Journalisten in jeder Beziehung Fachkompetenz erwarten, aber man kann helfen, aufklären, Konkretes vermitteln. Mit diesem Beitrag, der sich vor allem auch um eine realistische Bewertung der erzielten Ergebnisse bemühen will, soll allen auch eine kleine Hilfestellung aktuell und für die nähere Zukunft gegeben werden.

Hengelo macht Hoffnung, über die U-18-WM + U-23-EM aber muss geredet werden

Dem Robin aus Leverkusen und seinem Trainer „Adi“ muss man schon ein großes Kompliment machen. Unter einem solchen Druck bei der Junioren-EM in Hengelo zu bestehen, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Toll, Glückwunsch dazu. Er sollte die Hoffnung für alle sein, dass mit Talent, Arbeit und Zielen weiter oben auch heute noch deutsche Läufer und Geher konkurrenzfähig sein können. An den Namen Matti Markowski, den Silbermedaillengewinner über 10000 m in 30:10,75 müssen sich sicher viele erst gewöhnen. Top Platz, top Leistung zum entscheidenden Zeitpunkt, genauso toll, auch wenn für Ihn mit seiner derzeitigen Leistung der Weg zu Olympia erst später möglich sein wird als für Robin Schembera.
Auch die 4 Fünftplatzierten (800 m, 10000 m, 3000 m Hindernis) und der junge Geher Christopher Linke als 6. in 42:11,94 scheinen sich eine gute Ausgangsposition für den internationalen Anschluss (U-23-WM) geschaffen zu haben. Für den noch weiteren schwierigen Weg nach oben kann man nur viel Erfolg und eine hohe Motivation für das bevorstehende Training wünschen.

Nicht zuerst die Ursachen beim Sportler suchen
Aber die Trainer haben allein auch nicht Schuld

Für die Zukunft des Bereichs Lauf / Gehen war vor allem Debrecen und Ostrava schon beängstigend, zumal sich ja weiter oben die Erwartungen auch nicht besonders rosig darstellen. Bei 37 Teilnehmern in zusammen 3 x 12 Disziplinen männlich + weiblich und 13 gar nicht besetzten Disziplinen (!) nur 2 Medaillen und 15 Platzierungen unter den ersten 8, davon entfallen allein auf die U-20-EM 9, da muss doch die Frage erlaubt sein ob wir nicht die richtigen Talente ausgewählt haben, ob die Konzepte zu ihrer Ausbildung nicht stimmen, die Trainerausbildung nicht passt oder ob die Führung, Steuerung und Regelung der Prozesse überdacht werden muss. Besonders schmerzt die Erfolglosigkeit an allen Fronten im weiblichen Mittel- und Langstreckenbereich, zumal wir in Deutschland Ost + West z.B. in den 80igern da über besondere Stärken verfügten.
Es muss der Ausweg gesucht und gefunden werden, schnell jemand die Führung und Verantwortung übernehmen, die vorhandenen Kräfte bündeln und vielerorts die zu hörenden Unzufriedenheiten an der Basis aufarbeiten. Beim Athleten jedenfalls sollte zuletzt die Schuld gesucht werden, sind sie doch – von Ausnahmen abgesehen – immer Produkt ihres Umfeldes. Das bedeutet zugleich, dass alle die sich zu diesem Umfeld zählen, zukünftig ihren Beitrag zu Veränderungen leisten müssen.

Analysen – Schlussfolgerungen – Konsequenzen – wie aus der Krise ?

Eine gründliche Analyse muss auch hinterfragen warum es mit unserem System des Anschlusstrainings nicht gelungen ist die besten Talente aus der Jugend erfolgreich zur U-23-EM zu führen und warum es mit unserem Leistungsfortschritt in diesen Altersklassen offensichtlich – im Gegensatz zur Konkurrenz und anderen Disziplinbereichen im DLV – zu langsam geht. Dabei sollte zuerst gefragt werden, wer zum Jahreshöhepunkt zu einer neuen persönlichen Bestleistung nicht nur fähig, sondern auch bereit war. Es muss doch die Frage nach der Qualität der abgelieferten Leistung erlaubt sein. Dabei darf nicht die Teilnahme oder „die Runde weiter“ das Kriterium sein, weil das in der Regel ja nur bedeutet der/die Beste unter den Schwächeren zu sein. Die Frage nach der Qualität der Leistung, den Reserven oder auch der trainingsmethodischen Vorbereitung muss doch bei Welt- bzw. Europameisterschaften, auch des Nachwuchses erlaubt sein. Es handelt sich schließlich nicht um eine Regionalmeisterschaft im eigenen Lande. Es ist wie auf einer Straße mit vielen Schlaglöchern und Baustellen, bis zur Reparatur geht es nur langsam voran und immer wieder gibt es Staus. Alle schimpfen, bis das Problem gelöst ist. Es darf auch die Frage nach der mentalen Ausbildung, nach dem erworbenen Selbstvertrauen – in erfolgreichen Wettkämpfen im Vorfeld – nicht ausgeklammert werden. Von Bundestrainer Uwe Mäde wird in leichtathletik.de (16.7.2007) feststellt, das die Athleten „sehr viel Respekt hatten und vom Feld beeindruckt waren und das sie mit dem Druck nur mit einer persönlichen Bestleistung weiterzukommen, schlecht zurechtgekommen sind“. Dies unterstreicht, dass in einer Analyse keine Seite der Vorbereitung ausgeklammert werden darf. Es zwingt aber auch den DLV darüber nachzudenken, wie in einem zu verändernden, fordernden Wettkampfsystem zukünftig auch die jungen Jahrgänge „besser vorbereitet werden könnten“.

2007-07-28-reifepruefung-leider-nicht-bestanden

Ein besseres Abschneiden erfordert die Orientierung an Prognoseleistungen

Aus den Interviews in den Medien mit den verschiedenen Bundestrainern nach den Wettkämpfen geht hervor, dass das Abschneiden in der Nationenwertung für den DLV ein wichtiges Kriterium auch in der Nachwuchsarbeit ist. Das bedeutet zugleich, dass auch zukünftig eine Nominierung nur über die Endkampfchance läuft und für unsere größten Talente – die Elite – eine Medaille schon Ziel der Bemühungen sein darf! Schließlich geht es um die Arbeit der Abteilung Olympische Leichtathletik im DLV, deren Ziel es wohl sein darf, sich am Ergebnis ihrer positiven Arbeit bei Olympischen Spielen messen zu lassen. Und man wird es sicher nicht zulassen, dass dafür eine von 4 „Abteilungen“, der Bereich Lauf / Gehen, ganz ausfällt.
Die drei Nachwuchshöhepunkte in kurzer Zeit nacheinander ermöglichten die festgelegten Zielgrößen an den aktuellen Ergebnissen zu überprüfen und für die nächsten Höhepunkte vielleicht auch da und dort zu korrigieren. Die Übersicht über die Leistungsanforderungen in den Finals bei U-18-WM, U-20-EM und U23-EM sollten die Trainer bei ihrer Planung mit ihren Talenten begleiten, um daraus auch einen notwendigen Leistungsfortschritt innerhalb der Jahre des Jugend-Aufbautrainings abzuleiten. Zu beachten sind für den Mittel- und Langstreckenlauf veränderte Anforderungen bei Nachwuchs-Weltmeisterschaften und der Einfluss auf den Leistungsfortschritt vieler Länder durch den Beschluss ab 2010 Olympische Spiele für die Jugend durchzuführen. Es scheint nicht der richtige Weg für die Talente für unsere Nachwuchs-Elite diese Veranstaltung zu boykottieren, es scheint aber wohl sinnvoll eine nur „kleine, feine Mannschaft“ zu nominieren, die die Anforderungen auch erfüllen kann, auch wenn es nur 20 oder weniger sind!

Final-Erfolge bei U-18/ U-20-EM/ U-23-EM in den nächsten Jahren erfordern nach derzeitiger internationaler Leistungspräsentation eine Trainingsorientierung an folgenden Leistungszielen (diese Zeiten sind nicht als Nominierungskriterien sondern als Trainerorientierungshilfe anzusehen!), die auch die internationale/europäische Leistungssituation und die Tatsache berücksichtigen, dass solche Wettkämpfe in erster Linie taktisch gestaltet werden:

 

U 18 - WM

U 20 - EM

U 23 - EM

Disziplin

w

m

w

m

w

m

800 m

2:05

1:50

2:03

1:48

2:02

1:48

1500 m

4:16

3:45

4:15

3:44

4:14

3:42

3000/10000 m

9:00

8:00

9:08

14:10

33:10

29:10

Hindernis

6:25

5:35

9:45

8:45

9:35

8:34

Gehen

22:30

43:30

44:00

40:30

1:33

1:23:30

 

Übersicht über Teilnehmer und Finalplatzierungen

 

 

U 18 - WM

U 20 - EM

U 23 - EM

 

Anz.Teiln.

Platz

Anz.Teiln.

Platz

Anz.Teiln.

Platz

800 m männl.

2

-

3

1. / 5.

2

-

800 m weibl.

1

-

3

5.

-

-

 

 

 

 

 

 

 

1500 m mä

1

-

2

7.

2

-

1500 m wei

-

-

-

-

-

-

 

 

 

 

 

 

 

3/5000 m mä

-

-

3

7. / 10.

-

-

3/5000 m wei

-

-

1

-

 

 

 

 

 

 

 

 

 

10000 m mä

 

 

3

2./5./11.

2

5.

10000 m wei

 

 

 

 

-

-

 

 

 

 

 

 

 

Hindernis mä

-

-

1

5.

-

-

Hindernis wei

2

7./8.

1

-

3

4./9.

 

 

 

 

 

 

 

Gehen mä

-

-

1

 

3

5./7.

Gehen wei

-

-

1

 

-

-

 

Übersicht über die Leistungsanforderungen fürs Finale, den 1. / 3. / 6. Platz

 

Disziplin

EM / WM

Finale

1. Platz

3.Platz

6.Platz

weibliche Jugend / Frauen

800 m

U-18-WM

2:10,60

2:04,29

2:05,42

2:06,55

 

U-20-EM

2:05,85

2:02,84

2:03,72

2:05,73

 

U-23-EM

2:04,89

2:00,86

2:01,34

2:03,07

1500 m

U-18-WM

4:31,14

4:15,47

4:19,26

4:22,91

 

U-20-EM

-

4:15,30

4:18,19

4:25,20

 

U-23-EM

-

4:15,48

4:16,49

4:19,05

3000 m

U-18-WM

-

8:53,94

9:06,48

9:21,36

 

U-20-EM

-

9:13,51

9:14,54

9:25,52

5000 m

U-20-EM

-

16:08,95

16:31,30

16:48,17

10000 m

U-23-EM

-

33:06,37

33:09,63

34:11,80

2000 m Hi

U-18-WM

-

6:22,30

6:25,30

6:32,55

3000 m Hi

U-20-EM

10:44,70

9:44,34

10:03,91

10:25,90

3000 m Hi

U-23-EM

10:17,99

9:39,40

9:42,47

10:09,81

5 km Gehen

U-18-WM

 

20:28,05

22:49,15

22:58,94

10 km G

U-20-EM

 

43:27,20

46:51,56

48:16,05

20 km G

U-23-EM

 

1:28:48

1:34:41

1:36:04

 

Disziplin

EM / WM

Finale

1.Platz

3.Platz

6.Platz

männliche Jugend / Männer

800 m

U-18-WM

1:51,25

1:49,99

1:50,12

1:51,06

 

U-20-EM

1:51,24

1:47,98

1:48,10

1:49,91

 

U-23-EM

1:50,14

1:49,94

1:50,31

1:50,69

1500 m

U-18-WM

3:56,82

3:44,27

3:45,03

3:48,75

 

U-20-EM

3:49,80

4:01,31

4:01,83

4:02,26

 

U-23-EM

3:51,07

3:44,00

3:44,47

3:46,37

3000 m

U-18-WM

8:34,19

7:57,18

8:00,98

8:23,17

5000 m

U-20-EM

-

14:08,27

14:15,26

14:28,66

 

U-23-EM

-

13:53,15

13:54,32

13:58,96

10000 m

U-20-EM

-

29:51,58

30:13,70

30:48,05

 

U-23-EM

-

29:09,89

29:18,26

29:48,20

Hindernis

U-18-WM

6:02,21

5:30,81

5:34,49

5:54,27

 

U-20-EM

-

8:50,30

8:50,95

8:59,22

 

U-23-EM

-

8:33,91

8:35,04

8:37,54

Gehen 10 km

U-18-WM

-

41:49,91

43:36,13

44:16,06

 

U-20-EM

 

40:02,88

41:06,32

42:11,94

20 km

U-23-EM

 

1:20:43

1:23:33

1:26:25

 

Foto: Trainer Adi Zaar und sein Schützling Robin Schembera (Schröder-Foto)