Trainingspraxis Laufen 2


Trainingspraxis Laufen



Trainingspraxis Laufen


Trainingspraxis Laufen



Neuerscheinung


Neuerscheinung – Trainingskonzepte


2. Auflage


Buchtipp – Das große Laufbuch von Lothar Pöhlitz


Sponsoren



Kids for Olympia

Team2012.at – ein Leichtathletikverein im neuen Stil

Leichtathletik und Laufen in Österreich – attraktiv, zeitgemäß und ehrlich!

(Von Lothar Pöhlitz) Im Interview : Wilhelm Lilge – Seit 2011 Teamleiter Lauf im ÖLV (= leitender Bundestrainer), Dipl.-Trainer LA, studierter Betriebswirt und Teamleiter des Vereins „team2012.at“

Ihr Verein team2012.at wurde 2008 neu gegründet, „um mit schlanken, effizienten Strukturen, schneller Handlungsfähigkeit und kurzen Entscheidungswegen innerhalb des Österreichischen Sportgefüges als modernes, kundenorientiertes Dienstleistungsunternehmen mit hohen Zielen im Wettbewerb besser zu bestehen.“ „Wir wollen Leichtathletik gestalten und nicht nur verwalten, wir wollen bereit sein für die Herausforderungen des Sports heute und in der Zukunft“ findet man auf der Homepage in der Präambel. Da der Laufbereich – mit einem klaren Bekenntnis zum Leistungs- und Nachwuchsleistungssport im Team – im Zentrum des Interesses steht, haben wir mit den Gründer und Teamleiter, der gleichzeitig Österreichischer Nationaltrainer Lauf ist, Wilhelm Lilge, das nachfolgende Interview geführt.

„team2012.at“ ein neuer Verein mit identischer Homepage und Anspruch auf Modernität und Aktualität – es spricht für eine gewisse Unzufriedenheit und formuliert gleichzeitig den Willen zu internationaler Konkurrenzfähigkeit.

Ich bin sicher dass spätestens in 10 bis 20 Jahren in Österreich die klassischen Vereine zumindest in der Spitzenleichtathletik keine besondere Rolle mehr spielen werden. Wenn man als Trainer für jede kleine Entscheidung die nächste Vorstandssitzung in zwei oder drei Monaten abwarten muss, wo dann ein Gremium von honorigen älteren Herren über Fragen zum Leistungssport entscheidet, dann hat man schon verloren. Jedes vergleichbare Kleinunternehmen, das im härter werdenden Wettbewerb so agiert, wäre in kürzester Zeit weg vom Fenster. Die Vereine haben ihre Daseinsberechtigung sicherlich für den Nachwuchsbereich und den Breitensport, wo auch soziale und gesellige Aspekte wichtig sind, aber im Leistungssport kann man so nicht konkurrenzfähig sein. Das gilt natürlich auch für die Landesverbände. Ich betreue selbst Athleten von 7 verschiedenen Vereinen und mir ist es vollkommen egal, für welchen Verein ein Athlet startet und ich habe auch noch nie einen Athleten irgendwo abgeworben und wenn ein Athlet von meinen Verein weggehen will, werde ich ihm nichts in den Weg legen. Auch Vereinsmeisterschaften interessieren doch keinen Athleten der internationale Ambitionen hegt. Bei der Wettkampfplanung stehen Vereinsinteressen häufig im Widerspruch zu individuellen leistungssportlichen Zielsetzungen. Das ist in Deutschland sicherlich etwas anders, wo die großen, professionell geführten Vereine praktisch Arbeitgeber für Weltklasseathleten sind und dafür natürlich eine entsprechende Gegenleistung erwarten dürfen.

Sie formulieren: „Wir wollen etwas komplett Neues gestalten und nicht nur verwalten“. Was hilft leistungsorientierten Talenten und ihren Trainern vor allem?

Athleten und Trainer müssen sich einfach auf den Sport konzentrieren können, wenn man hohe Leistungsansprüche hat. Österreich hat z.B. keinen einzigen Lauftrainer, der beim Verband, bei Landessportorganisationen oder sonst wo angestellt wäre. Es braucht also schon positive Fanatiker von Seiten der Athleten und Trainer die bereit sind für ihren Sport zu leben statt vom Sport zu leben. Ich bin der einzige freiberuflich hauptberufliche LA-Trainer in Österreich, das bedeutet allerdings nicht, dass ich mich auf den Spitzensport konzentrieren könnte, denn verdienen wird man dabei nichts. Sicherlich wären wir erfolgreicher im Spitzensport wenn sich die Trainer nicht mit der Betreuung von Hobbysportlern ihr Geld verdienen müssten. Vor allem, weil es sportpolitisch und medial gut darstellbar ist, werden eigentlich nur Einzelathleten und – oft nebulose – „Projekte“ gefördert, sinnvoller im Sinne von Effizienz wäre aber die Förderung von Trainern, weil man dann einen echten Multiplikatoreffekt hätte, weil jeder Trainer ja immer mehrere Athleten betreut. Wohl in kaum einem anderen Land wird mit der politischen Gießkanne „oben“ so viel Geld für den Spitzensport pro Sportler ausgegeben wie in Österreich, es kommt leider nur ein kleiner Bruchteil beim Sportler unten an. Österreich hat zwar nicht viele Weltklassesportler in international bedeutsamen Sportarten, dafür aber sicherlich das komplizierteste Sportsystem der Welt, das historisch bedingt immer noch dem Einfluss politischer Parteien unterliegt. Vor allem das Sportfördersystem (besser: Sportförder-Anarchie) ist derart komplex gestaltet, dass jeder Spitzensportler fast einen hauptamtlichen Formular - Ausfüller braucht, wenn man die möglichen Förderungen auch lukrieren möchte. Mit Feierabend-Trainern und Athleten aber wird man nicht gegen professionelle Sportler mit entsprechendem Umfeld konkurrenzfähig sein können.

Welche Rolle nehmen Läufer im österreichischen Sportsystem ein?

In Österreich brauchten wir für die Läufer eine stärkere Lobby innerhalb des ÖLV, aber das ist ja sicher im DLV nicht viel anders, das sieht man ja am Fall Anna Hahner und ihrer Nicht-Nominierung für Olympia. Die Läufer sind zwar in Österreich mit Abstand die erfolgreichste Disziplingruppe und stellen regelmäßig ca. die Hälfte des ÖLV - Teams bei internationalen Meisterschaften, aber in den entscheidenden Gremien sind praktisch keine Funktionäre oder Trainer, die sich für die Läufer stark machen. Man muss sich aber bewusst sein, dass die Leichtathletik nicht eine Sportart ist, sondern ein Sammelbecken sehr unterschiedlicher Disziplinen. Da gibt’s auch ganz unterschiedliche Anforderungen hinsichtlich Trainings- und Wettkampfplanung bis zur Terminierung der nationalen Meisterschaften in den verschiedenen Altersklassen. Die Läufer haben ja mit den Triathleten, Radfahrern und Schwimmern auch hinsichtlich Persönlichkeit und Charaktereigenschaften mehr gemeinsam als mit den Sprintern, Springern oder Werfern. In den letzten Jahren sind die Interessen der Läufer etwas unter die Räder gekommen, weil in den Gremien mehrheitlich entschieden wird, bzw. persönliche Interessen natürlich eine Rolle spielen. Das setzt natürlich auch viel Energie frei unter dem Motto: „denen zeigen wir es“, was sicher der bessere Zugang als Jammern ist.

Wie hat der ÖLV auf Ihre Initiative reagiert? Sind Sie Nationaltrainer geblieben? Gibt es mehr oder weniger miteinander?

Ich bin seit Ende der 80er Jahre fast durchgängig einer der ÖLV - Spartentrainer ( jetzt „Nationaltrainer“), vor einem Jahr habe ich von Hubert Millonig - von dessen Erfahrungen ich am meisten profitiert habe – das Amt als „Teamleiter-Lauf“ (= leitender Bundestrainer für den Laufbereich) übernommen. Der ÖLV ist zwar ein kleiner, aber inzwischen sehr gut strukturierter, moderner und effizienter Verband. Mit einem Budget von ca. 1,2 Mio Euro (ca. 1/6 von Griechenland…) wird für den Sport so viel bewegt wie es uns möglich ist. Das kann aber nur funktionieren, wenn alle, die sich engagieren, zusammenarbeiten. Der ÖLV unterstützt die Sportler im Rahmen seiner Möglichkeiten sicher bestmöglich und auch unsere Initiative ideell weil wir ja alle gemeinsam der Leichtathletikverband sind. Natürlich ist klar, dass man im Leistungssport nicht nur Freunde haben kann und fairer Wettstreit und Neid liegen oft nah beieinander. Österreich ist ja alles andere als eine Sportnation. Wir sind nicht in den USA, wo andere Sportler des eigenes Landes vorbehaltlos bejubelt und unterstützt werden, sondern sobald Erfolg da ist, kommen die Neider, die meistens mangels fachlicher Kompetenz und ohne sich mit den Umständen auseinanderzusetzen Neid und Missgunst zur Maxime ihres Handels machen.

Ist die mangelnde Konkurrenzfähigkeit europäischer Läufer gegen den Rest der Welt auch Ihre Sorge? Gibt es einen Weg aus der Krise, oder sehen Sie gar nicht so schwarz?

Im Langstreckenbereich, und da wiederum besonders im Marathon, schauts natürlich für uns Europäer ziemlich schwarz aus, aber so widerstandslos dürfen wir eine augenscheinliche Unterlegenheit nicht hinnehmen. Wenn die richtigen Leute mit herausragendem Talent entsprechend trainieren und auch unsere Stärken (bessere Infrastruktur, …) entsprechend nützen, dann müssen sich diese nicht automatisch geschlagen geben. Die US-Amerikaner zeigen ja gerade was grundsätzlich möglich ist. Im Mittelstreckenbereich sieht die Lage bei Männern und bei Frauen ausgewogener aus und da lebt die Hoffnung auch als Weißer, einmal vielleicht ganz nach oben zu kommen. Ich sehe grundsätzlich die herausragenden Leistungen der anderen als Motivation und nicht als Grund für Resignation. Ganz wichtig scheint mir aber die Stärkung der europäischen Leichtathletik in diesem Bereich. Wenn wir realistisch sind, müssen wir zuerst versuchen, unsere Athleten an die europäische Spitze heranzuführen, alles was darüber hinausgeht, ist eine glückliche Fügung der Kombination aller beeinflussenden Faktoren.

Leider zeigt der Europäische Verband mit den gutgemeinten liberalen Bestimmungen zum Nationalitätenwechsel suizidale Tendenzen. Da hören wir bei jeder salbungsvollen Rede des EA-Präsidenten die Sprücherl von der „Stärkung der europäischen Leichtathletik“ und dann stoßen sie unsere besten Athleten mit der Startberechtigung der Özbilens (derzeit bester „europäischer“ 1500m-Läufer) & Co. quasi vor den Kopf, der gerüchteweise mit einer 6-stelligen Dollarsumme binnen einer Stunde zum Türken wurde und gleichzeitig, ohne die eigentlich vorgesehene 2-Jahre Wartezeit – die Startberechtigung für die Europameisterschaften erhalten hat. Der kleine österreichische Verband kann dagegen wenig ausrichten, die großen europäischen Verbände wie auch der DLV müssen sich aber den Vorwurf sehr wohl gefallen lassen, dass sie die Interessen der eigenen Sportler wie Carsten Schlangen oder Coco Harrer schlecht vertreten, wenn sie das zulassen. Die politischen Kriterien eines Nationalitätenwechsels werden sie zwar auch nicht beeinflussen können, und das soll auch nicht in Ausländerfeindlichkeit münden, aber niemand hindert die EA z.B. daran, in die Teilnahmebestimmungen zur Europameisterschaft hineinzuschreiben, dass nur jene europäische Athleten startberechtigt sind, die zumindest seit 2 Jahren ihren Lebensmittelpunkt in dem europäischen Land haben, für das sie starten wollen. Das würde das „Einkaufen“ äthiopischer oder kenianischer Athleten durch Aserbeidschan oder die Türkei erschweren.

Das „deutsche Fräuleinwunder“ der jungen Mittelstreckengarde zeigt, was möglich ist. Das Ganze hat ja eine unglaubliche Eigendynamik bekommen. Wenn die anderen Mädels sehen, dass man wie Coco Harrer, Gesa-Felizitas Krause, die Sujew-Twins und wie sie alle heißen, auch als Deutsche in die Läufer-Weltspitze eindringen kann, dann lassen sich auch die mentalen Barrieren leichter überwinden, weil die eben beweisen, dass es grundsätzlich möglich ist und man nicht zwangsweise aus Kenia oder sonst woher kommen muss. Warten wir ab, ob sich da bei den deutschen Burschen auch einmal noch etwas mehr tut, mit Arne Gabius, Sören Ludolph und jetzt auch wieder Carsten Schlangen gibt’s ja zumindest schon aktuelle Vorbilder.

Bei der – für österreichische Verhältnisse - unglaublichen Masse der jungen deutschen Läufer muss doch wieder mal einer ganz nach vorne kommen. Manche werden allerdings leider immer noch zu früh hochgejubelt, können dann irgendwann den Leistungsansprüchen nicht mehr gerecht werden, die verschwinden dann frustriert oder konzentrieren sich auf die Selbstvermarktung statt aufs Training.

Eins Ihrer formulierten Nahziele ist „zumindest ein Athlet aus dem Team schafft es nach London“ jetzt müsste er/sie sich ja bereits anbieten? Oder gibt es im ÖLV inzwischen mehr Hoffnung? Und danach gibt sich der Verein einen neuen Namen „team2016.at“?

Zum Zeitpunkt der Vereinsgründung (November 2008) hatte unser bester Athlet Andreas Vojta eine 1500m Bestleistung von gerade einmal 3:58, in den beiden Jahren davor 4:13 und 4:04, aber ich war mir sicher, der Bursche hat Potential. 2009 wurde er erstmals Österreichischer Meister und steigerte sich auf 3:47, im Jahr 2010 auf 3:40, er qualifizierte sich für die EM in Barcelona und lief dort ziemlich sensationell sogar ins Finale. 2011 steigerte er sich auf 3:37,82, womit er das ÖOC - Olympialimit (3:38,00) unterbieten konnte. Er wurde 4. bei der U 23 EM und startete auch bei der WM in Daegu. Heuer hatten wir keine Hallensaison eingeplant, in einem Trainingswettkampf lief er trotzdem in Wien 3:38,99 und lag am Ende der Hallensaison auf Rang 6 der Europa-Jahresbestenliste. Der blöde Sturz im 1500 m-Finale der EM in Helsinki kann leider nicht rückgängig gemacht werden, aber eine Medaille schien tatsächlich greifbar. Was noch vor dreieinhalb Jahren eine Vision war, für die wir belächelt wurden, kristallisierte sich bald danach zum konkreten Ziel, über dessen Erreichen wir überglücklich sind. Nach eher schwierigen Zeiten stürmt nun im ÖLV eine junge Garde an die Spitze, zu denen auch Jennifer Wenth (als 6. schnellste weiße Läuferin bei der U 20 WM über 3000m in Moncton) und die beiden 800 m Hallen-WM-Semifinalisten Andreas Rapatz und Raphael Pallitsch zählen und diese Läufer, die an der Spitze der Österreichischen Leichtathletik stehen, machen uns viel Hoffnung und Freude. Unser Verein wird auch im nächsten Jahr weiter „team2012.at“ heißen, damit niemand auf dumme Ideen kommt haben wir uns aber schon lange die Domain „team2016.at“ gesichert…

....unter strikter Einhaltung einer proaktiven Antidopinghaltung, wir wollen wieder ehrlichen Sport, Spitzenleistungen ohne Doping. Gibt es negative Erfahrungen im ÖLV? Welche Laufleistungen sind ohne Doping überhaupt möglich?

In Österreich wurden natürlich wie in Ost- und Westdeutschland in der Vergangenheit Olympische Medaillen auch mit Hilfe von Doping erzielt. Ich selbst bin seit über 20 Jahren im Anti-doping-Kampf aktiv, war in den 90er Jahren einige Zeit auch Kontrolleur und erlebte Dinge, die ich nicht einfach so hinnehmen wollte. Im vergangenen Jahr wurde ich von der Süddeutschen Zeitung als „Österreichs Antidopingkämpfer Nr. 1“ bezeichnet. Viele scheinbare Erfolge der letzten 3 Jahrzehnte wurde hierzulande mit Hilfe von Doping erzielt, entsprechend war das „Loch“, das nach dem Aufdecken mancher Dopingskandale entstand. Das wirkte sich natürlich bis hinunter in den Nachwuchsbereich aus, weil die Athleten verständlicherweise nicht an Leistungen gemessen werden wollen, die mit Hilfe von Doping erzielt wurden. Leider ist auch bei uns - wie in Deutschland (siehe die scheinheilige Problembehandlung in Erfurt und auch aktuelle Einzelfälle wie Simret Restle) - das Dopingproblem noch nicht ausgerottet, da fehlt der unbedingte Wille aller Beteiligten dazu. Die Glaubwürdigkeit unserer NADA stelle ich diesbezüglich sehr in Frage, die könnten wesentlich konsequenter vorgehen. Die wissen von begründeten Verdachtsfällen, tun aber einfach nicht viel außer medienwirksames Selbstmarketing zu betreiben. Aber es ist viel besser geworden, zumindest im Bereich der Bewusstseinsbildung und der Vorbeugung, da passiert sehr viel. Die nun heranwachsende Generation sieht zumindest, dass man zumindest zu Olympischen Spielen auch ohne Doping kommen kann.

Wenn ich nicht überzeugt wäre, dass man grundsätzlich auch als weißer Läufer in einem Olympiafinale ohne Doping gut bestehen könnte, würde ich mir eine andere Beschäftigung suchen.

Auf diesem Planeten leben über sechs Milliarden Menschen, und da gibt es „biologische Ausreißer“ in alle Richtungen. Da gibt es einige wenige Menschen, die 2,20 m groß werden, warum sollte es nicht auch welche geben, die ohne Training z.B. eine VO2max von 70ml/kg/min haben. Wenn diese dann entdeckt werden, ein entsprechendes Umfeld mit einem guten Trainer vorfinden und natürlich auch den unbedingten Erfolgswillen haben, dann kann man als Läufer auch ohne Doping Olympiasieger werden. Die meisten Doper, die bei uns erwischt wurden (z.B. Susanne Pumper, u.a. ÖR 5000m mit 15:10), waren ja gar keine herausragenden Talente und haben für ihren Sport gelebt, sondern eben mit viel Doping gewisse Defizite zu kompensieren versucht.

Wir haben leider nicht einmal ansatzweise ein systematisches Talenterfassungssystem, gerade ein Ausdauertalent fällt im Sportunterricht meist nicht sonderlich auf, höchstens dadurch dass er keinen Ball fangen kann. Natürlich gäbe es bei uns und noch viel mehr in Deutschland grundsätzlich Talente die zu Höchstleistungen befähigt wären, aber die meisten davon werden es nie oder zu spät erfahren, auch weil sie bereits die Fußballvereine vereinnahmt haben und den Jugendlichen schon Beträge zahlen, von denen unsere besten Leichtathleten nur träumen können. Vom DLV würde ich in diesem Zusammenhang erwarten, dass er mehr für seine ehrlichen Athleten tut. Da muss bei der EA Druck gemacht werden, dass im europäischen Bereich glaubwürdiger kontrolliert wird. Wenn ich mir Helsinki und auch die Meetings danach anschaue, dann pfeif ich z.B. bei manchen türkischen Athletinnen auf die Unschuldsvermutung. Eine Steigerung über 1500m bei Frauen von 4:18 auf 3:56 innerhalb eines Jahres ist trainingsmethodisch einfach nicht erklärbar, noch dazu, wenn die Athletin alle gemeinhin bekannten körperlichen Symptome eines Dopingmissbrauchs zeigt. Aber auch Spanien zeigt was bleibt wenn man ihnen das EPO wegnimmt, von der einstigen Läuferherrlichkeit nicht viel, wie dies vorher schon Italien demonstriert hat. Dass eine Martha Dominguez bei einer EM überhaupt noch laufen darf – und dann ohne ersichtlichen Grund plötzlich aussteigt – das ist doch eine Verarschung aller ehrlichen Athleten. Die „konsequente“ Anti-Dopinglinie der EA sieht man auch am Umstand, dass über die Französin Hind Dehiba (erwischt mit EPO und im Kofferraum weitere Dopingmittel) die 2-jährige Sperre auf der EA-website einfach als „… sie hatte 2 schwierige Jahre durchzumachen…“ beschrieben wird. Bei derartigen schwerwiegenden Dopingvergehen, wie auch bei der Türkin Uslu Binnaz, helfen einfach nur lebenslängliche Sperren ohne Gnade.

Was müsste für Spitzenleistungen anders gemacht werden als bisher? In Deutschland haben die Athleten oft ein „Trainings-Zeitproblem“, wie lösen das österreichische Läufer?

„Zu wenig Zeit“ oder „schlechte Bedingungen“ sind die beliebtesten Ausreden. Gerade im Laufbereich zeigt sich eigentlich kein direkter Zusammenhang zwischen der Güte des Umfeldes und den erzielten Leistungen. Wenn „jammern“ olympisch wäre, wäre Österreich sicherlich Kandidat auf eine Topplatzierung im Medaillenspiegel.

Für Spitzenleistungen muss in erster Linie spitzenmäßig trainiert werden. Ich sehe auch in Deutschland einige Athleten die mehr Zeit und Energie mit Selbstvermarktung, Jammern und Ausreden-Suchen verbringen als sich aufs Training zu konzentrieren. Das ist in Österreich nicht anders, Märchentanten und -onkeln gibt’s auch hierzulande zur Genüge. Mit einem Schmunzeln verfolge ich die „back to the roots – Bemühungen“, weil immer mehr bemerken, dass vor 20 oder 30 Jahren – unter objektiv viel schlechteren Rahmenbedingungen – zumindest in der Dichte bessere Leistungen erbracht wurden als heute.

Zum eigentlichen Training: vor allem bei 1500 m-Läufern (auf längeren Strecken natürlich umso mehr), aber auch bei 800 m-Läufern sehe ich beim größten Teil Defizite und auch Leistungsreserven im aeroben Ausdauerbereich. Vergleiche mit der Leistungsstruktur ostafrikanischer „Wunderläufer“ wären manchmal hilfreich. Das kann man am einfachsten trainieren und wenn ich es richtig mache, brauch ich auch keine Angst zu haben die Schnelligkeit zu verlieren. Natürlich müssen die Umfänge und die Belastungsverträglichkeit langfristig in kleinen Schritten erhöht werden und eine hohe Belastungsverträglichkeit im Bereich des Binde- und Stützgewebes ist auch eine Voraussetzung für aerobe Qualitätsarbeit. Das kommt aber nicht von heute auf morgen und ich muss manchmal leider akzeptieren, dass es eben „Bindegewebs-Schwächlinge“ gibt, die häufig Überlastungsprobleme bekommen, da kann ich das Training noch so vorsichtig gestalten. Und mit nur vorsichtigem Training gewinnt man nichts.

Egal wo man auf Trainingslager hinkommt, überall sehe ich junge Sportler z.B. bei viertelstündigem, bewegungslosem Verharren in der Unterarmstützposition, weil überall die gleichen Stabi-Übungen propagiert werden. Das ist ja recht nett und auch sicher sinnvoll, das allein ist aber zu wenig. Wenn die dann z.B. in der Bewegung einen Medizinball fangen sollen, wird’s lebensgefährlich. Wir brauchen aber zur Vorbereitung auf die speziellen Anforderungen auch dynamische Kräftigungsübungen v.a. der diagonalen Muskelschlingen der Streckmuskulatur, sonst ist das zu unspezifisch und die Leute liegen dann beim kleinsten Rempler auf der Bahn und sind trotz der (oder wegen der nicht hinreichenden) Stabi-Übungen ständig verletzt. Natürlich sind das alle keine Allheilmittel, wie man bei Andreas Vojta im 1500 m Finale in Helsinki gesehen hat, auch wenn es ein deutsches Bein (natürlich unabsichtlich) war, jeder kann mal stürzen.

Unser „Medizinballrugby“ als Aufwärmspielchen sieht brutal aus (in der gemischten Gruppe lautet die Regel für die Mädchen: „ihr dürft alles“), da hat sich aber noch nie jemand verletzt und ins Trainingslager während der Vorbereitungsperiode kommen die Boxhandschuhe mit. Außerdem muss ich in der Gruppe immer für etwas Spaß sorgen, wenn die jungen Sportler beim Training nahe am Heulen sind bleiben sie nicht lange. Denen brauche ich nur ins Gesicht schauen, dann weiß ich gleich, ob das Zukunft hat oder nicht. Zuerst muss ich einmal das Funkeln in den Augen sehen, das unbedingte Wollen und die Sportler brauchen ein hohes Maß an intrinsischer Motivation. Laufen muss geil sein, und gewinnen ist am Geilsten! Ein schöner Aspekt des Laufens ist – das wollen viele nicht einsehen – dass es bei vorhandenem Talent oft viel einfacher funktioniert als angenommen.

Nicht böse sein, aber wenn ich da Cheick-Idriss Gonschinska höre, der die erstaunlichen Erfolge der deutschen Mittelstrecklerinnen begründet mit der „… täglichen Umsetzung neuer sportwissenschaftlicher Erkenntnisse in die Trainingspraxis...“, dann kann ich nur lachen und ich bin mir sicher, dass auch die tatsächlich erfolgreichen Trainer in Deutschland über solche Aussagen nur schmunzeln können. Wenn ich überlege, was uns die Sportwissenschaft für die tägliche Trainerarbeit während der letzten 20 Jahre in die Hand gegeben hat, dann muss ich lange nachdenken.

Finden Sie in Österreich Sponsoren für die Mittel- und Langstreckler oder ist es wie in den Medien in Deutschland: „Fußball über allem“?

Wer als Läufer erfolgreich sein will muss bereit sein für den Sport zu leben und nicht zuerst darauf abzielen vom Sport zu leben. Natürlich wird’s immer schwieriger Sponsoren zu finden, aber kein österreichischer oder deutscher Läufer rennt eine Sekunde schneller, wenn man ihm € 1000.- in die Hand drückt. In Österreich gibt’s für unsere besten Läufer die Unterstützung durchs Bundesheer, das „Team Rot Weiß Rot“ (projektbezogene Förderung durch das Sportministerium), die Sporthilfe, den ÖLV und die jeweiligen Landesdach- und Fachverbände. Die Förderungen sind – wenn man geübter Formularausfüller ist – zumindest so, dass die Kosten für Trainingslager oder regenerative Maßnahmen einigermaßen abgedeckt werden können. Die Zuwendungen durch private Sponsoren stehen meist in keiner direkten Relation zur sportlichen Leistung, einige Selbstvermarktungsprofis steigen da aber ganz gut aus. Das Mäzenatentum ist bei uns weitgehend ausgestorben, die privaten Unternehmen wollen eine konkrete werbliche Gegenleistung, die natürlich umso schwieriger wird, wenn sich die Medien nur auf Fußball, alpinen Skilauf, Tennis und Motorsport stürzen und sportlich fragwürdige Trendsport-Events mit Unterstützung eines Getränkedosen-Herstellers wichtiger erachten als die olympische Kernsportart Leichtathletik.

Ziel ist ein attraktives Angebot mit Medizinern, Physiotherapeuten usw. – das in dieser Form in einem Österreichischen Sportverein gänzlich neu ist – finden sie dafür Mitstreiter?

Da haben wir große Reserven. Wenn sich die Trainer/Trainingsgruppen nicht über die Jahre ein „privates“ Betreuungssystem mit Physiotherapeuten und vielleicht einem Sportmediziner aufgebaut haben, schaut´s traurig aus. Vor 25 Jahren gab es einen „Physiotherapeutenpool“ in Österreich, den Kaderathleten ohne große bürokratische Hürden in Anspruch nehmen konnten. Das gibt es heute nicht mehr. Wenn sich heute ein Olympiakader-Athlet am Freitag Abend verletzt, kann er sich im Normalfall am folgenden Montag in einer Ambulanz eines Krankenhauses stundenlang anstellen, bis er kompetente Hilfe bekommt. Wie ich heuer mit fast 30 Athleten auf einem Trainingslager in Portugal war, haben wir eine Spendensammelaktion starten müssen, damit wir die Mitreise einen Physiotherapeuten finanzieren konnten, weil der ÖLV auch nur einen Teil tragen konnte, obwohl mehrere A- und B-Kaderathleten dabei waren. Zum Glück hat da übrigens sogar der deutsche Berglaufguru Helmut Reitmeir mit einer privaten Spende geholfen, der von unserem Enthusiasmus beeindruckt war und unseren Spendenaufruf Facebook und auf www.team2012.at gelesen hatte.

Welche Rolle spielt für Sie das Talent, das Ererbte auf dem Weg zur Erreichung olympiareifer Leistungen? Suchen Sie in Österreich gezielt nach Talenten? Wenn ja wie ?

„Wer richtig gut werden will, muss sich zuerst die richtigen Eltern aussuchen“, sage ich immer in meinen Vorträgen. Ohne die entsprechenden Gene komme ich bei fleißigem Training vielleicht zwar relativ weit, aber niemals ganz nach oben, da muss einfach alles passen. Am wichtigsten ist, dass die Athleten aufs Training ansprechen. Es ist immer wieder faszinierend bei einer jungen Trainingsgruppe, wie bei gleicher Ausgangsbasis die jungen Sportler höchst unterschiedlich auf Trainingsmaßnahmen ansprechen. Das Leben ist da manchmal ungerecht, Talente sind eben unterschiedlich verteilt. Man kann mit konsequentem Ausdauertraining und harter Arbeit ziemlich weit kommen, aber für die internationale Klasse muss einfach auch ein herausragendes Talent vorhanden sein.

„Die besten Trainer gehören in den Nachwuchsbereich“ ist eines Ihrer Ziele. Verfolgen Sie auch das Ziel, dass diese mit den größten Talenten arbeiten können?

Na ja, die Anforderungen an Nachwuchstrainer sind eben andere als an Trainer im Spitzenbereich. Man hat im Nachwuchsbereich eine unglaubliche Verantwortung, weil die jungen Sportler über die Trainingsmaßnahmen kaum reflektieren können. Ich denke, es ist fair und wichtig, dass man den jungen Sportlern und auch deren Eltern keine falschen Illusionen macht. Es hat eben nicht jeder Sportler das Zeug zum Spitzensportler. Eine wichtige Aufgabe jedes Trainers ist dass er seine Sportler zu möglichst großer Selbständigkeit und Handlungsautonomie erzieht. Es gibt auch im Wettkampf immer wieder Situationen, wo der Athlet schnell und selbständig entscheiden muss, gerade was die Taktik im Mittelstreckenbereich anbelangt. Auch wenn es paradox klingt, der gute Trainer muss sich bemühen, sich möglichst überflüssig zu machen und seinen Athleten auch das nötige know how vermitteln, alles andere wäre auch ein Zeichen von Schwäche.

Es gibt bereits eine Reihe von Trainingspartnerschaften zwischen deutschen und österreichischen Athleten. Könnten Sie sich für die Zukunft auch eine engere Nachbarschaftszusammenarbeit auf höherem Niveau vorstellen, z.B. wie?

Auch wenn es seltsam klingen mag, ich freue mich tatsächlich sehr über alle Erfolge von deutschen Läuferinnen und Läufern, weil sie in gewisser Weise auch welche „von uns“ sind, die gleiche Sprache sprechen und über ähnliche Voraussetzungen verfügen. Was ein Arne Gabius oder ein Sören Ludolph zeigen und natürlich auch die Mädels, das ist grundsätzlich auch für unsere Athleten zu schaffen. Das Training ist ja durch Internet- und Facebook sowieso kein Geheimnis mehr und die mitteleuropäischen und deutschsprachigen Läufer könnten sicher mehr gemeinsam machen. Ein Andreas Vojta hat in Österreich derzeit kaum Trainingspartner, die ihn entsprechend fordern und wir müssen unsere Talente einfach immer auf den Zehenspitzen halten. Natürlich ist man im Wettkampf harter Konkurrent, aber insbesondere in der allgemeinen Vorbereitung, z.B. wenn die Läufer im Winter nach Kenia oder Südafrika gehen, wäre eine vermehrte Zusammenarbeit und auch ein stärkerer Erfahrungsaustausch für alle Beteiligten ein Vorteil. Wenn jemand glaubt, er kann heimlich nach einer komplett neuen Trainingsmethode trainieren und dann beim Saisonhöhepunkt groß abräumen dann ist er sowieso auf dem Holzweg.

Ein Verein neuen Stils – ist es der Weg zu einem österreichischen Lauf - Leistungszentrum wie wir es aus den USA (Salazar) kennen?

Na ja, das hat schon eine ganz andere Dimension, aber grundsätzlich zeigt sich, dass mit konzentrierter Arbeit mit den entsprechenden Talenten sehr viel möglich ist, auch wenn auch dort einige auf der Strecke bleiben, weil sie den Belastungsanforderungen nicht gewachsen sind. Aber es zeigt sich auch, wenn eine Gruppe gut funktioniert und Spitzenleistungen produziert, bekommt das eine Eigendynamik und die Gruppe erhält automatisch weiteren Zulauf. Natürlich ist dafür auch eine Menge Geld notwendig, im kleinen Stil wollen wir aber auch in Wien in Form eines „Laufkompetenzzentrums“ so etwas aufbauen. Früher oder später werden sowieso Firmenteams oder von finanziell gut dotieren Pools lebende Trainingsgruppen die Vereine verdrängen, wie das in anderen Sportarten ja auch schon der Fall ist.

DANKE für dieses informative Interview. Vielleicht auch ein Anstoß zu mehr gemeinsamer Nachbarschaftsarbeit.

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